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0329 China : vol.2
China : vol.2 / Page 329 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000260
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WSW. An der Südseite des Thales steigt das Gebirge mauerartig zu ungefähr 3000 Fuss
an; auf der Nordseite fallen uns die Schichten zu, daher sind dort die Formen weniger
schroff. Da die Richtung des Weges westlich ist, so kommen wir allmälig in das Liegende.
Unter dem Kalkstein folgen sehr mächtige Sandsteine, dann grüne Schiefer, und
endlich graue, gefaltete Sericitschiefer. Bei dem Dorf Hsi-lung-kwan macht der
Fluss scharfe Biegungen in düsteren Engen zwischen Wänden der Schiefer, welche, gleich
den überlagernden Formationen, unter einem Winkel von ungefähr 20 bis 35° südlich
fallen. Auch bei der kleinen Häusergruppe Hung-mei-tshang, d. i. »Anthracit-Hof«,
stehen dieselben Schiefer an. Hier kommt der Hauptfluss von Westen her. Von NW
mündet in ihn ein Bachbett, das jetzt wasserlos war, zu Zeiten aber mit tosenden Fluthen
erfüllt sein mag. In diesem ging mein Weg aufwärts. Bis Hung-mei-tshang können
Kameele kommen. Daher sind hier die Niederlagen der Kohle, die aus unwegsamem
Schluchten von Norden her auf Eseln und Maulthieren herbeigebracht wird. Die Land-
schaft hat den Charakter öder und wilder Grossartigkeit. Jeder Durchblick durch eine Lücke
zwischen den starren umgebenden Wänden zeigt Kalkschroffen, die an Süd-Tyrol erinnern.

Um aus der Schlucht des Liu-li-hô bei der genannten Häusergruppe in das Thal
von Tshai-tang zu gelangen, hat man ein Gebirge mit über 5000 Fuss hohen Gipfeln
und fast ebenso hohen Pässen zu übersteigen; man muss einem Labyrinth von tief ein-
gesenkten, gewundenen Schluchten folgen, um hinauf zu gelangen. Meine Karte gibt
davon kein annahmhes Bild und ist überhaupt an dieser Stelle mangelhaft, da es an
Anhaltspunkten für Compasspeilungen fehlte, und die Aussichten von den Höhen, wenn
man die Gegend zum ersten Mal betritt, ein Chaos von Berggipfeln bieten. Der Weg
verlässt den Hauptflach, an welchem Bretschneider von seinem Ausflug nach dem nahen
Pai-hwa-shan herab kam¹), und führt in nördlicher Richtung Anfangs durch ein Cañon,
das 150 bis 500 Fuss breit und von steilen, oft senkrechten, 500 bis 2000 Fuss hohen
Wänden eingefast ist. Der Boden ist meist nur von dem steinigen Flussbett eingenommen.
Für 30 li geht es so fort. Dann beginnt ein steiler Anstieg nach dem Dorf Tai-
ngan-shan, welches 1100 Fuss über Hung-mei-tshang und 1400 Fuss über dem unteren
Liu-li-hô liegt²). Hier beginnt man sich zwar über der Region der schroff eingeschnittenen
Cañons, aber doch beginnt man erst hier der Haupttheil des Anstieges, steiler und steiler,
durch Bergkessel und Engpässe, bis man, 2400 Fuss über Tai-ngan, in einem Kessel
die Hu-tsau-Gruben erreicht. Von ihnen geht es 600 Fuss höher hinauf nach dem Tsai-
hai-ling, einem Pass gegen ein anderes, nach Süden gerichtetes Seitenthal des Liu-li-hô.
Tief blickt man in dasselbe hinab. Jenseits erhebt sich ein Bergcolos mit wunder-
lichen Formen, wie sie nur dem Porphyr eigen sind. Ich schätzte seine Höhe mit Hilfe
des Horizontglases auf 7500 Fuss. Später sah ich aus Bretschneider's Beschreibung
und Karte³), dass es der berühmte heilige Berg Pai-hwa-shan, oder der Hundert-Blumen-
Berg, ist⁴). An der Seite der höchsten Gehänge der eben erreichten Schlucht, über
abschlussige Plätze, die ich nicht ohne ernstliche Abenteuer mit meinen Packthieren passirte,
geht nun der Weg hin, um schliesslich nach der flachen Einsattelung des Miau-ngan-
ling hinaufzuführen. Von hier bietet sich eine grossartige Aussicht. Nach Süden über-
blickt man ein Meer von Kalkschroffen, die theils im Niveau des Passes, theils tiefer
liegen. Darüber hinaus im Südosten ist die weite Ebene erkennbar, während fern im
Süden zackige Gebirge mit den bizarrsten Formen hintereinander gereiht sind. Nach
Norden versenkt sich der Blick in die Tiefen des von wilden Gebirgen umstarrten Beckens
von Tshai-tang, das mit schroff eingeschnittenen Verzweigungen nach allen Richtungen in
die Gebirge eingreift, und man verfolgt seine Austhülungsmassen bis wo sie im Norden von
einer steilen, von SW nach NO gerichteten Mauer abgeschnitten werden, die wir später als das
Nankou-Gebirge kennen lernen werden. Steigt man dann hinab nach dem Thalboden, so
ahnt man dort nichts von der Grossartigkeit der Natur, in deren Mitte man sich befindet.

Dies ist der allgemeine Charakter des Landes, das wir nun durchwandern. In geo-
logischer Hinsicht bietet dasselbe ein Interesse wie wenig andere Gegenden der nördlichen