National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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kommt man noch durch einige Runsen, welche nach Norden gerichtet sind. Sonst ist
der Weg einförmig. Stundenlang geht es mit kaum merkharer Steigung auf der Löss-
fläche hinan. Plötzlich steht man an einem Steilrand, der sich nach West und Ost
hinzieht, so weit der Blick reicht. Tief zu Füssen fliesst der Wei, von einem Alluvial-
streif begleitet, und jenseits erheben sich in kühner Architektonik die gigantischen Massen
des Hochgebirges, dessen Fuss unmittelbar aus dem schmalen Alluvium aufsteigt. Der
Anblick ist überraschend und sehr grossartig. Steil führt der Weg hinab; er ist in die
Wände einer kurzen Quer-Runse eingraben. Die Höhe der Lösswand ist 500 Fuss.
Von ihrem unteren Rand senkt sich der Thalboden noch 100 Fuss bis Kwi-tshönn. Von
hier aus erkennt man, dass der obere Rand des Abfalls nicht geradlinig verläuft, sondern
durch Querschluchten in einer Reihe von Vorsprüngen aufgelöst ist.
Auf dem ganzen Weg bis hierher hatte der Anblick des Tsin-ling-shan, welcher bei
den Bewohnern des Flachlandes in echt chinesischer Weise nur den Namen Nan-shau
(das Südgebirge) führt, meine Aufmerksamkeit gefesselt, und ich suchte durch Compass-
peilungen von einzelnen Orten an der Strasse seine Gliederung in allgemeinen Zügen
festzustellen. Die Atmosphäre war nie so getrübt gewesen, dass sie die Umrisse voll-
ständig verhüllt hätte; aber der suspendirte feine Lössstaub umflorie sie doch stets mit
einem mehr oder weniger leichten Schleier. Nur nach Regen oder Schneefall darf man
eine klare Aussicht erwarten. Am höchsten ragt der Ta-Pai-shan oder 2Grosse Weisse
Berg auf 1), dessen Gipfelerhebung ich auf ungefähr 1000 Fuss über dem Thal des Wei veran-
schlagte. Er bildet eine Gruppe von langezogenen gerundeten Kuppen. In scharfem
Contrast erhebt sich vor ihm, etwa 3000 Fuss niedriger, eine zackige Gipfelreihe. Sie
zeigte, ebenso wie andere Gipfelzüge im Osten und Westen, eine Streifung von Schnee,
der in den Runsen lag, während der Ta-Pai-shan ganz weiss eingehüllt war und damit
seinen Namen rechtfertigte. So weit ich das Gebirge beobachten konnte, liess es einen
scharf gezeichneten Gegensatz zwischen den in grosser Zahl von seiner Wasserscheide
herabkommenden, anscheinend sehr tief eingeschnittenen Querthälern und der durchgrei-
fenden Tendenz zu einer Längsanordnung der Gipfelreihen und Rücken erkennen. Von
dem überall steilen und geradlinigen Abfall sah man diese in parallelen Stufen höher
und höher ansteigen. Nirgends vermag das Auge einen vom Gebirge herabziehenden
Quergrat zu verfolgen. Vielmehr besteht jede von zwei Querschluchten eingeschlossene
Rippe aus parallel gestellten höheren und tieferen Gliedern, deren Richtung derjenigen
des Gebirges entspricht. Es ist daraus ersichtlich, dass das Gebirge in seinem inneren
Bau eine zonale Structur hat, welche sich am Nordabfall nur in den secundären Zügen
der äusseren Sculptur kennzeichnet. Auch darf man vermuthen, dass die Querthäler,
wo sie die Zonen härterer Gesteine durchschneiden, durch gewaltige Engen versperrt sind,
während wahrscheinlich die Communication zwischen je zwei benachbarten Querthälern in
der Richtung des Gebirgsstreichens verhältnissmässig leicht sein wird.
Dieses Bild, welches ich hier von der Plastik des nördlichen Gehinges gewann, hat
nachher bei der Reise über die ganze Kette hinweg seine Bestätigung gefunden.
Kwi-tshönn ist ein grosser und bedeutender Marktplatz. Ausserhalb der Umfassungs-
mauern dehnen sich belebte Vorstädte zu allen Seiten aus. Denn hier ist der Brennpunkt
für den Handel, welcher über die Tünling-Strasse geht. Alle Züge von Packthieren,
denen ich später begegnete, hatten diesen Ort zum Zielpunkt, und ebenso gehen sie von
hier nach Süden aus. Was Hwo-lu-hsien bei Tshönn-ting-fu 2) und Tsing-hseu bei Hwai-
king-fu 3) für die Provinz Shansi sind, das ist Kwi-tshönn für das südliche Shensi und
Theile von Sé-tshwan. Wie in jenen Städten, ist auch hier die Rolle im Verkehr in
dem Wechsel des Transportmittels begründet. Denn die Waaren von Hsi-ngan-fu können
auf Wagen kommen, während nur Saumwege nach West und Süden führen.
Die Stadt liegt ganz in der Tiefe der beschriebenen Rinne, am Rand der Abdachung,
die sich vom Fuss der nördlichen Lösswand herabzieht. Ein steiler Abstieg von 60 Fuss
Höhe bringt uns auf das Alluvium des Wei, über welches unsere Strasse weiter führt.
Nach einer Strecke von 12 li überschreitet sie den Kiu-shui, der in einer ebenfalls 5
bis 600 Fuss tiefen Furche im Löss herabkommt und ein breites, sandiges und schotter-
reiches Bett hat. Sein oberes Flussgebiet gehört zu den denkwürdigsten Schauplätzen
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