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0307 China : vol.2
China : vol.2 / Page 307 (Color Image)

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doi: 10.20676/00000260
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sie im Schach zu halten. An der Nordgrenze hingegen bringt es die Steppen-
natur von Central-Asien mit sich, dass sämmtliche Nachbarn, wenn auch zeitweise
getrennt, sich doch durch irgend einen Anlass solidarisch verbinden können, um
gemeinsam in China einzufallen. Wie verhängnissvoll diese Gefahr seit den Kämpfen
mit den Hiungnu bis in die neueste Zeit für China gewesen ist, hat unser geschicht-
licher Ueberblick im vorigen Band gezeigt. Der richtige Sitz der höchsten Macht wird
daher an einem Punkt sein, welcher, in der Grossen Ebene gelegen und dadurch China
dominirend, zugleich den Hauptzugang zu Central-Asien und der Mantschurei so be-
herrscht, dass von ihm aus nicht nur feindliche Einfälle abgehalten, sondern die Step-
pengebiete in möglichst grossem Umfang in Abhängigkeit gehalten werden können.
Dieser Gesichtspunkt, welchen Kublai-Khan so scharf erfasste, muss noch heute
maassgebend sein. Die Gebirgsbucht, in welcher Peking liegt, ist die einzige
Gegend, welche diese Bedingungen vereinigt. Ausser ihr gibt es nur noch zwei
Orte, nämlich Ta-tung-fu in Shansi und Lan-tshöu-fu in Kansu, welche als Schlüssel-
punkte für Central-Asien bezeichnet werden können; doch sind die Gründe nahe-
liegend, wesshalb sie zur kaiserlichen Residenz ganz ungeeignet sein würden. Von
Peking aus ist die Herrschaft leicht bis zu denjenigen an der Peripherie der Grossen
Ebene gelegenen Punkten zu handhaben, von denen die engen Eingangswege in
die durch Sonderinteressen getrennten äusseren Provinzen führen, während es
zugleich nur einem dort herrschenden Kaiser gelingen wird, sich vom japanischen
Meer bis Kaschgar die Anerkennung der Oberhoheit zu erhalten. Ein Kaiser in
Nan-king würde diesen Länderstrecken entfremdet sein und es nicht vermögen,
einem auf der ganzen nördlichen Linie sich vollziehenden feindlichen Eindringen
wirksamen Widerstand entgegen zu setzen.

War die geographische Lage das wichtigste Motiv bei der Wahl von Peking
als Sitz der obersten Staatsgewalt, so musste doch auch Manches geschehen, um
einerseits dem Nachtheil einer wenig fruchtbaren Umgebung abzuhelfen und anderer-
seits die Schwierigkeiten zu überwinden, welche die räumliche Entfernung von den
meisten Theilen des Reiches der Handhabung der Macht entgegensetzte. Der
Möglichkeit einer Verbindung zur See ist offenbar ein erheblicher Werth nicht
beigelegt worden. Denn man baute die Stadt nicht an dem schiffbaren Pai-hô,
sondern 10 g. M. westlich davon, und es musste erst von ihm aus ein besonderer,
mit Schleusen versehener Canal hergestellt werden, um den Transport zu Wasser
bis nach der Hauptstadt zu ermöglichen. Auch diese Anlage wäre für sich allein
von geringer Bedeutung gewesen; denn der Pai-hô hatte, obgleich Dschunken ihn
bis Tien-tsin befahren können, früher nur wenig Werth für den Verkehr. Kublai's
grosser Geist erkannte die Wichtigkeit der Aufgabe, der neuen Hauptstadt die
Producte des Südens durch eine das Binnenland durchziehende Wasserverbindung
zuzuführen, und sein organisatorisches Talent vervollständigte in kurzer Zeit den
Bau des Grossen Canals, von dem in früheren Zeitaltern nur einzelne Theile ange-
legt worden waren. Auf gesichertem Weg vermochte man von nun an den Tribut
der reisbauenden und überhaupt von der Natur reicher bedachten Provinzen heran-