National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0019 Baukunst und Landschaft in China : vol.1
Architectural Arts and Landscapes in China : vol.1
Baukunst und Landschaft in China : vol.1 / Page 19 (Grayscale High Resolution Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000203
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

von Menschenwerk und Natur, nach dem man im Innersten verlangt. Und darum ist es
auch bis heute das auffallendste Merkmal chinesischer Baukunst geblieben.
Maßgebend für das Bedürfnis, dem starren Schönheitsideal wohlabgewogener Pro-
portionen durch ornamentalen Schmuck und durch weitgehende Auflösung der Einzelheiten
einen lebendigen Inhalt zu verleihen, war ohne Zweifel die Gewohnheit, metaphysischen
und religiösen Stimmungen stets und überall bis in die alltäglichsten Einzelheiten hinein
Rechnung zu tragen. Für die Darstellung der geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen
Göttlichem und Menschlichem boten bewegte Linien und Flächen im Verein mit einem
überquellenden Reichtum an naturalistischer Ornamentik einen ähnlich befriedigenden
Ausdruck wie bei uns in der Gotik oder im Barock.



An den Gedächtnistoren für verdiente Männer und Frauen wird ein Merkmal edler
chinesischer Architektur besonders deutlich, nämlich die Verschmelzung der beiden Grund-
gedanken, einfache konstruktive Grundform und reicher, lebendiger Ornamentschmuck,
Yang und Yin, männliches und weibliches Prinzip, zu einer harmonischen Einheit. In der
Provinz Shantung, der Heimat monumentaler Skulptur, findet man die meisten und schönsten
derartigen Denkmäler. Die Sockel, Balken und Friesplatten, oft sogar die Pfosten selbst,
sind bedeckt mit Ornament, auch mit figürlichen Reliefs. Niemals aber sind diese künst-
lerischer Selbstzweck, sondern unterstützen nur mit feiner Zurückhaltung die architekto-
nische Wirkung des Denkmals.
Die Gedächtnistores lassen die Wandlung des Baustils nach Provinzen klar erkennen.
Dem Norden sind einfache, straffe Verhältnisse eigen, herbe Verteilung der Linien und
Massen und eine kräftige Reliefkunst. Die Provinz Shensi leitet über zu Szechúan, wo
schlankere Formen auftreten, ein leichtes Spiel geschwungener Linien in den Abdeckungen,
eine mehr anmutige, auch farbige Behandlung der Reliefs und freie Verwendung zahlreicher
Motive. In Hunan wird die Wirkung der Tore zu einer hochgemuten, fast übertriebenen
Eleganz gesteigert, die Horizontalen spannen sich einzeln und unvermittelt zwischen die
Vertikalen. Im Süden, in Kuangsi und Kuangtung, macht sich indischer Einfluß bemerkbar
in der Ueberwucherung mit ornamentalem Beiwerk. Das dankbare Motiv des einteiligen
oder dreiteiligen Gedächtnistores wird in starkem Relief auch zur Umrahmung von Tür-
öffnungen auf massiven Mauern verwendet, besonders häufig in Hunan und Szechúan. Hier
sind die Kanten vieler Glieder und Gesimse oft von kleinen blauen und weißen Porzellan-
scherben eingefaßt, die im Verein mit den kühn aufwärtsstrebenden Linien der Dachab-
deckungen eine festliche Wirkung hervorrufen.
Die Pagoden sind Sinnbilder der buddhistischen Lehre, Leuchttürme des buddhistischen
Weltgesetzes. Trotz ihres indischen Ursprungs haben sie eine völlig chinesische Ausbildung
erfahren, ja sie sind selbst chinesisch gedeutet als unentbehrliche Bestandteile einer voll-
kommen chinesischen Landschaft. Dennoch stellen sie in vieler Hinsicht ein fremdes Element
dar, das allerdings den chinesischen Geist bereicherte und vertiefte und sich eng mit ihm
verband. Die hochragenden, meist massiven Türme stehen im Gegensatz zu allen übrigen
Bauanlagen, deren Hauptmerkmal eine geringe Entwickelung in der Höhe ist, dafür eine um
so größere in der Grundfläche. Und so eng verwachsen die Pagoden heute mit dem Bilde
chinesischer Architektur und Landschaft erscheinen, so stark betonen sie eine Note des
Individuellen, die in der Umgebung auffallend und ungewöhnlich ist. Da das Motiv im
wesentlichen aus dem Westen nach China kam, so ist das gleichbedeutend mit dem sieg-
reichen Vordringen eines starken individuellen Gedankens, der sich den fernen Osten er-
oberte. Daß die Chinesen diesen Gedanken so bereitwillig aufnahmen, ja, ihn in die aus-
gesucht schöne Form ihrer Pagoden gekleidet haben, mag den Beweis dafür liefern, daß
ihnen ihre eigene alte Kunst als Ausdruck der letzten Ideale nicht genügte, daß sie nach

XV