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0034 Alt-Kutscha : vol.1
Ancient Kucha : vol.1
Alt-Kutscha : vol.1 / Page 34 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000192
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I,19—I,20

Die naive, nicht reizlose Art der altbuddhi-
stischen Zeit, die ohnehin schon eine un-
gesunde Neigung zeigt, artet in eine widerliche
Schematisierung aus. So, nur so wirken die
Kräfte der Götter, nur solche Idole bezieht
das Wesen, das, durch Zauberformeln hinein-
gebannt, die bezügliche Leistung dem Beter
(Kunstenthusiasten gibt es nicht), dem das
Niedrigste erhoffenden Beter, spenden soll.
So sind also die uralten Bannmethoden wider-
lich entartet, in ein System gebracht, das nicht
nur im Brahmanentum fortlebt, sondern den
Buddhismus aufs schmachvollste unterwühlte.
Proben solcher der Kunst dienenden Unterlagen
liegen in allen Bibliotheken herum, werden aber
seltsamerweise vermieden. Die ersten Ansätze
sind auch in unsern Bildern wohl zu beachten,
vielleicht sogar schon in der ekelhaftesten Form.

20. Im Laufe der bisher dargestellten Stil-
arten und bei Darlegung des in ihnen auf-
gespeicherten Formengutes wird wiederholt der
Hinweis auf das europäische Mittelalter, ins-
besondere auch auf die dem späteren Mittel-
alter eigne Stilart, die sogenannte Gotik, nahe-
gelegt. Es kann natürlich zunächst nicht an
den gotischen Baustil gedacht werden, sondern
nur an eine Reihe formaler Erscheinungen
der Dekoration und der Komposition, welche
in der zweiten Stilart in Zentralasien Antitypen
erhalten, deren Erwähnung und Zusammen-
stellung, soweit es das Material erlaubt, sich
von selbst als Forderung ergibt, wenn man
entschlossen ist, die Eigenart der Gemälde
bei Kutscha usw. zu charakterisieren. Da sie
alle, wenn wir nicht irren, nicht gerade als
geschlossenes Ganzes auftreten, sondern in
Verbindung mit Formen ganz anderen Stil-
charakters in dem synkretistischen Bilde des
Gesamtdekors verwendet werden, so stehen
wir dabei vor der Frage, ob sie in Zentral-
asien aus den vorhergegangenen Perioden er-
wachsen sein können oder ob sie sporadischen
Entlehnungen vom Westen oder anderswoher
ihre Entstehung verdanken. Ich rede hier zu-
nächst von Stilart 2, die ihre glänzendste und
reichste Vertretung in den Höhlenanlagen bei
Kutscha hat, weniger von den späteren Peri-
oden. Die alte, erste Stilart ist in der Haupt-
sache davon ausgeschlossen.

Was die erste Frage betrifft, ob die Eigen-
arten von Stilart 2 sich aus Stilart 1 ent-

I,20

wickelt haben, so glaube ich sie in der Haupt-
sache bejahen zu können. Es gibt einzelne
Höhlen der 1. Stilart, welche geradezu den
Übergang bilden; z. B. die Hippokampen-
höhle. Dabei muß aber wieder darauf hin-
gewiesen werden, daß gerade Stilart 2 durch
Einführung einer neuen Farbenverwendung (mit
Vorliebe wird Hellblau verwendet) und durch
eine Reihe anderer Einzelheiten in den dar-
gestellten Realien (die völlig durchgebildete
Hindûmythologie) viel Neues hinzubringt, was
nicht unmittelbar auf Stilart 1 zurückgehen
kann, sondern zweifellos auf neue Beeinflussung
von außen, in diesem Falle sicher wohl vom
Westen oder Südwesten her hinweist. Ich
werde bei Gelegenheit der Besprechung der
in den Kompositionen vorkommenden Götter-
und Königsfiguren darauf hinweisen, daß hier
eine Entlehnung vorliegen muß, welche ent-
schieden iranischen Charakter hat. Gerade
diese Stilart ist am reichsten an Formen, die
uns beim ersten Anblick schon das Wort
Gotik nahelegen. Da die verwandten Formen
der mittelalterlichen Kunst Europas aber alle
viel später sind, als die Stilart 2, deren jüngste
Erzeugnisse wohl kaum über das 8. Jahr-
hundert herabgerückt werden können, so mögen
die letzteren die europäischen beeinflußt haben.

Es gilt schließlich von der mittelalterlichen
Gotik dasselbe, was ich von unsern Gemälden
sagen möchte. Bei der verhältnismäßigen Ar-
mut der Erfindungskraft, bei den stets wieder-
kehrenden gleichen Kompositionen, die nur
leise da und dort individuell variiert werden,
enthält der äußere Farbenprunk, die durch
die neue bunte Ausstattung zuerst berückende
Ausstattung nichts mehr und nichts weniger
als eine Unsumme von Anleihen aus dem ver-
schiedensten Material: Miniaturen, Elfenbeine,
Lampen, Stoffe usw. Dürfen wir soweit gehen
und behaupten, daß die beiden einander so
seltsam parallel gehenden Erscheinungen auch
unter sich durch sporadische Entlehnungen,
welche in dem Meere des übrigen Formengutes
kleine Kreise zogen, sich auch gegenseitig be-
einflußt haben?

Es ist nicht zu leugnen, daß das Kulturleben
des Mittelalters an sich schon eine große Ähn-
lichkeit mit dem hat, welches wir uns im alten
Zentralasien vorstellen müssen. Die Bildung
völlig in den Händen der Klöster, die zugleich