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0103 Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2
Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 / Page 103 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000240
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aufs neue die Bewunderung wachrufen. Der Eindruck ist um so stärker, als sie zu Hunderten
erhalten sind, nicht nur in Fragmenten, sondern noch in vollständigen Meßgewändern
und Antependien, deren große Flächen trotz der oft verblichenen Farben noch eine richtige
Vorstellung der ursprünglichen Wirkung vermitteln.
Ursprung und Heimat dieses in Lucca mit der Frühgotik beginnenden, aber in Venedig
bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts fortlebenden Seidenstils, mit dem die Flachornamentik
des Abendlandes ihren höchsten Triumph gefeiert hat, blieben strittig und bildeten scheinbar
das Hauptproblem der Textilgeschichte des Mittelalters. Die Stoffe sind zwar in Europa
in solchen Mengen vorhanden, namentlich im protestantischen Norden Deutschlands (Dan-
zig, Braunschweig, Stralsund, Halberstadt), wo der Eintritt der Reformation kirchliche
Gewandkammern dem Gebrauch und damit der allmählichen Vernichtung entzog, daß schon
dieser äußerliche Grund jeden Gedanken an überseeische Einfuhr — während der Blütezeit
der Weberei Italiens! — hätte beseitigen müssen. Trotzdem ist niemals der italienische Ur-
sprung dieses Stils rundweg und vorbehaltlos anerkannt worden. Es blieb wohl unbestritten,
daß die umfangreiche Denkmälergruppe auch italienische Erzeugnisse mit einschloß. Allein
die Urheberschaft des Stils, die Erfindung der Muster hat man Italien niemals zugestanden.
Früher, als noch Sizilien als der Hauptsitz und Mittelpunkt der ganzen mittelalterlichen
Seidenweberei angesehen wurde, obwohl die Insel in Wahrheit nur bescheidene Ableger
der byzantinischen und westislamischen Seidenkunst beherbergte, galten alle die bilderreichen
Trecentogewebe mit Burgen und Jägerinnen, Bäumen und Gewässern als das Werk der
Sarazenen Siziliens, ungeachtet der Tatsache, daß nirgends im Bereich der westislamischen
Kunst des Mittelalters solche Bilder zu finden sind. Die Italiener sollten an der ganzen
Erzeugung nur in beschränktem Maße und lediglich als Nachahmer der arabischen Muster
beteiligt sein. Demgemäß mußte man die frühgotischen Stoffe natürlich in die Zeit zurück-
schieben, als es noch Sarazenen und sarazenische Kunst in Sizilien gab, also mindestens in
das 13. Jahrhundert und noch weiter zurück. Damit hatte die Sizilianertheorie sich eigent-
lich schon selbst gerichtet; denn die Beschreibungen in alten Kircheninventaren, namentlich
dem des Prager St. Veits Domes von 1387 und die Stoffabbildungen auf italienischen, deut-
schen und niederländischen Bildern lassen darüber keinen Zweifel, daß die Gewebe des
freien Stils dem 14. und 15. Jahrhundert angehören. Solche Erwägungen haben jedoch dem
Vorteil von der sarazenischen Herkunft des freien Seidenstils nicht viel anhaben können;
die Vorstellung, daß sich in den erfindungsreichen Mustern der Frühgotik „die bunte Fabel-
welt des Orients" oder die Märchen aus Tausend und einer Nacht verkörpern, war zu fest
eingewurzelt.¹) Daher sind noch in unseren Tafelbeschreibungen die gotischen Stoffe zum
Teil als orientalisch, sonst durchweg als „arabisch-italienisch" bezeichnet und zumeist dem
13.—14. Jahrhundert zugeschrieben, in der Meinung, daß zwar ein großer Teil der vorge-
führten Gewebe in Italien gefertigt sei, aber in so enger Anlehnung an arabische Vorbilder,
daß eine Scheidung zwischen arabischen Originalen und italienischen Kopien undurch-
führbar wäre.
Die seltsame Fiktion einer den frühgotischen Stoffen gleichenden arabischen Orna-
mentik wurde, wenn nicht erweckt, so doch genährt durch die in die italienischen Muster
häufig eingeflochtenen pseudoarabischen Inschriften. Überall, wo solche vorhanden, setzte
man für das ganze Muster ein islamisches Vorbild voraus, das der italienische Weber nur
durch Entstellung der ihm unverständlichen Schrift und durch sonstige Mißverständnisse
sozusagen unbewußt veränderte.²) Dem widersprechen zunächst die Stoffe selbst; denn die