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0174 Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2
Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 / Page 174 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000240
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14. Jahrhunderts keinen Abschnitt bildet; die Tiermuster reichen vielmehr weit in das
15. Jahrhundert hinein und haben sich noch lange neben jenen vegetabilen Flachornamenten
in Gebrauch erhalten, die man als Granatapfelmuster zusammenfaßt. Die letzteren sind die
Schöpfung der Spätgotik; es liegt daher nahe, den vorausgehenden Seidenstil seiner Ent-
stehung um 1300 entsprechend den frühgotischen zu nennen, obwohl damit nur sein Ur-
sprung, nicht aber seine Dauer richtig gekennzeichnet wird.

In den etwa anderthalb Jahrhunderten vom ersten Auftreten des frühgotischen Seiden-
stils an, also zwischen 1300 und 1450 ungefähr, ist die italienische Musterzeichnerei natür-
lich nicht stillgestanden. Die vielen Hunderte von Seidenstoffen dieser Zeit verteilen sich
auf mehrere Stilgruppen, in denen sowohl die zeitliche Entwicklung wie örtliche Unter-
schiede zum Ausdruck kommen. Leider ist es mit den Hilfsmitteln zur Lokalisierung der
Gewebe schlecht bestellt. Ein klares Bild über die Ausbreitung des Seidengewerbes während
des Trecento ist aus den Schriftquellen nicht zu gewinnen. Nur so viel scheint sicher, daß
mit der zunehmenden Pflege der Seidenzucht auch die Weberei über ihre alten Sitze Lucca,
Venedig, Genua hinausging. Im Süden werden Reggio, Messina und Catanzaro als Seiden-
städte genannt. Im Norden haben zu Anfang des 14. Jahrhunderts die landesüblichen Partei-
kämpfe zwischen Ghibellinen und Welfen zahlreiche Seidenweber aus Lucca vertrieben, die
dann anderwärts ihre Kunst ausübten. Um 1310 sollen 31 luccanische Familien mit 300 Fär-
bern, Spinnern und Webern in Venedig Zuflucht gefunden haben.¹) Als Castruccio Castra-
cani Herr von Pisa und Lucca wurde (1322—1328), erfolgte wieder eine Auswanderung wel-
fischer Bürger; Nicolaus Tegrimus, der Biograph des Castruccio, berichtet, daß sie sich teils
nach Venedig, Florenz, Mailand, Bologna, teils nach Deutschland, Frankreich, England zer-
streuten und daß die Seidenkunst, die bis dahin nur den Luccanern Ruhm und Reichtum
eingetragen, überall in Betrieb kam.²) Diese Quelle ist nicht zuverlässig; Lucca war damals
wohl die bedeutendste, aber längst nicht mehr die einzige Seidenstadt Italiens, und nach
Deutschland, Frankreich und England haben die luccanischen Flüchtlinge die Seidenweberei
sicher nicht übertragen; es können nur Seidenhändler gemeint sein. Ob die Weberei in
Mailand und Bologna schon im 14. Jahrhundert erhebliche Bedeutung erlangte, bleibt dun-
kel; in Florenz ist jedenfalls vor der Frührenaissance nichts davon zu bemerken. Zunft-
urkunden sind namentlich aus Venedig ausgiebiger vorhanden, aber über die Muster und
die Zeichner geben sie keine Auskunft. Wir müssen uns also an die Seidenstoffe selbst halten.

Ihre Mannigfaltigkeit läßt wohl auf mehrere Betriebsorte oder Werkstätten von einiger
Selbständigkeit schließen; der allergrößte Teil des Denkmälerbestandes jedoch bildet nur
zwei umfangreiche Gruppen, die jede für sich durch die deutlichste Stilverwandtschaft und
durch die Wiederholung bestimmter ornamentaler Leitmotive zusammengeschlossen werden.
Sie verkörpern die Tätigkeit der zwei produktivsten Weberstädte, die nacheinander die Füh-
rung im Seidengewerbe besessen haben. Die jüngere, in die Spätgotik hineinreichende Gruppe
ist mit großer Sicherheit für Venedig zu beanspruchen, wie später auszuführen sein wird. Die
ältere jedoch, deren Blüte sich innerhalb des 14. Jahrhunderts abspielt, ermangelt zunächst
eines ausreichenden Ursprungszeugnisses. Sie umfaßt allerdings die ältesten Beispiele der-
jenigen Brokate, die mit der Verkündigung gemustert sind (vgl. Abb. 462); und solche
werden in einem Pariser Inventar von 1416 ausdrücklich als luccanisch bezeichnet.³) Ferner
stimmen manche Gewebe der älteren Gruppe in der Textur mit den gleichzeitigen Diaspers

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