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0195 Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2
Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 / Page 195 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000240
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Brokatkasel in Braunschweig) mannigfaltig ausgestaltet,
das den Mustern Fülle und Halt verlieh. Dann wurden
reine Füllmittel herangezogen: Das beliebteste waren die
Strahlen, die zumeist von Wolken ausgehen. Man hat
darin gern christlich-symbolische Bedeutung gesucht. Da-
mit ist es in der Regel nichts; sieht man genauer zu, wie
die Strahlen in den älteren luccanischen Mustern verteilt
sind, so bleibt kein Zweifel, daß sie die rein formal-
technische Aufgabe haben, den Goldfaden oder farbigen
Einschlag in sonst leeren Grundstellen wieder zum Vor-
schein zu bringen und dadurch sowohl die Bindung des
Hohlgewebes zu verbessern, wie die Lücken der Zeich-
nung zu verbergen. Gute Beweisstücke dafür sind der
Goldbrokat Tafel 175 a (Abb. 446)¹) und von demselben
Zeichner ein rot-grün-weißer Seidenstoff in Düsseldorf,
Abb. 447. Der Brokat zeigt prachtvoll gezeichnete Hirsche
auf einem grasbewachsenen Felsen sitzend, an dessen Fuß
Jagdhunde sich schräg herabstoßenden Vögeln zuwenden;
ferner Reiher durch schwungvolle Lateinsegel miteinander
verknüpft. In der einen Reihe geben die strahlenden
Wolken dem Gewässer, in dem die Segler der Lüfte stehen,
die notwendige Einfassung, in der anderen haften sie
unten an Felsen, und als Lückenbüßer gehen die Strahlen
sogar von den Hinterfüßen der Hunde aus. Man wird
schwerlich in den strahlenden Hundebeinen tiefere Sym-
bolik erkennen wollen. Ebenso ist an dem dieselben Felsen
mit anderen Tieren wiederholenden Seidenstoff Abb. 447
der Füllzweck der Strahlen unverkennbar.²)
Realistische Regungen, wie die Kunstentwicklung
um 1400 sie mit sich brachte, führten dazu, den anfänglich freischwebenden Tieren durch
Andeutung von Erdreich (Abb. 448, Berlin und Düsseldorf) oder ornamentale Unterlagen
einen gewissen Halt zu geben. Aus dieser Absicht entstehen die Gewässer und Felsen
(vgl. T. 171 b, Abb. 446, 447) und die Boote, wie sie unter anderem auf einem weißen
Damast in Berlin und Krefeld (Abb. 449) zu sehen sind. Damit beginnen die landschaft-
lichen Muster, die Venedig zur Höhe geführt hat. Auch Lucca ist, obschon seltener, auf
diesem Weg weit vorangeschritten, namentlich bei den Stoffen mit menschlichen Figuren.
Auf einer Zwischenstufe steht die gut erhaltene Kasel des Halberstädter Doms aus grünem
Goldbrokat (Tafel 176 = Abb. 450) mit Hirchen am Fuß eines stark gekrümmten
Baumes, auf dessen Krone ein Jagdfalke aus einem Lattengehege aufsteigt. Die Wasser-