National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0281 Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2
Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 / Page 281 (Grayscale High Resolution Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000240
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

symmetrisch verbindet. Wie weit freilich der deutsche Weber durch Vereinfachung und
eckige Versteifung von seinem Vorbild sich entfernt, lehrt ein Vergleich mit dem ita-
lienischen Brokat Abb. 554, der ebenfalls Hirsche, Vögel und verwandte Blattbündel
enthält. Gelegentlich werden die Muster aber auch über die Vorlage hinaus im Sinn der
deutschen Gotik erweitert und bereichert; so sind auf einer Kasel in Braunschweig unter
den von Hunden angefallenen Hirschen die Jäger mit dem Spieß, das Hifthorn blasend,
dargestellt. Außerhalb Braunschweigs sind solche Halbseidenstoffe nur vereinzelt, in
Schwerin, Lüneburg, Danzig aufgetaucht. Man wird ihre Heimat also wohl im nieder-
sächsischen Gebiet zu suchen haben.
Da in Lessings Tafelwerk zwei deutsche Wollstoffe Aufnahme gefunden haben (Ta-
fel 32a und 236), ist eine kurze Äußerung darüber nicht zu umgehen, obgleich die Muster-
weberei in Leinen und Wolle außerhalb unserer Aufgabe liegt. Dieser Gewerbszweig ist in
Deutschland gewiß in vielen Gegenden von zünftigen und häuslichen Betrieben geübt wor-
den, wo Flachsbau und Schafzucht zur Verwertung der Rohstoffe drängten. Da aber den
für profane Zwecke bestimmten Erzeugnissen der Schutz der Kirche fehlte, dem wir die Er-
haltung der alten Seidenstoffe verdanken, sind mittelalterliche Überreste wie Tafel 32a,
deren Muster noch an die romanische Tradition erinnert, sehr selten geworden. Die Menge
der kleinen Betriebe, die nur einem örtlich beschränkten Abnehmerkreis dienten, ist daher
spurlos verschollen und vergessen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts tritt aber eine Werk-
statt hervor, von deren Erzeugnissen viele und zum Teil ansehnliche Stücke erhalten sind,
weil sie auch in der Kirche als Altardecken, Antependien und Teppiche verwendet wurden.
Im Hause mögen sie gleich den schleswigschen Beiderwandstoffen des 18. Jahrhunderts
vornehmlich als Vorhänge an Himmelbetten gedient haben. Es sind derbe Stoffe aus Leinen-
kette und mehrfarbigem Wollschuß, die in Stücken von 95 cm Breite und 245 cm Länge gewebt
wurden. Die Wirkung des Goldfadens ersetzt grober Messinglahn, wie er auch bei schwei-
zerischen Wirkteppichen gotischer Zeit vorkommt. Die auf italienische Seidenstoffe zurück-
gehenden Muster verarbeiten hauptsächlich drei Motive: heraldische Lilien in verschiedener
Größe, oft in Rautennetzen verteilt, dann Granatapfelmuster,¹) schließlich Tierbilder in wag-
rechten oder senkrechten Streifen (Abb. 555). Vergleicht man die in Gehegen sitzenden
Tiere und die gekerbten Blätter dieses Stückes mit dem venezianischen Seidenstoff Abb. 479,
so bleibt über die Musterquelle kein Zweifel. Die Werkstatt entwickelte aber auch eine an-
erkennenswerte Selbständigkeit; die spätgotischen Ranken der Tafel 236 sind echt deutsch
und auch für den Reigen nackter Kinder, der wohl schon auf das 16. Jahrhundert deutet,
bieten die Seidenstoffe Italiens kein Vorbild. Über die weite Verbreitung dieser Stoffe in
ganz Deutschland geben die Abbildungen auf Gemälden der Zeit um 1500 Auskunft. Eine
Variante der Abbildung 555 ist auf Zeitbloms Heerberger Altar von 1497 als Altarbehang
zu sehen; ein einfacheres Muster auf einem Bild Hans Burkmaiers von 1501 in Augsburg.
Einen Stoff mit Adlern und Hasen, von dem das Berliner Kunstgewerbemuseum ein An-
tependium und das Diöcesanmuseum in Köln einen großen Vorhang besitzt, hat der Meister
des Marientods auf seinem Hauptwerk im Wallrafmuseum gemalt. Die reichsten und aus-
führlichsten Wiedergaben solcher Gewebe finden sich auf Bildern in der Marienkirche zu
Lübeck. Solange aber keine archivalische Auskunft zuhilfe kommt, kann man darin einen
Hinweis auf die engere Herkunft schwerlich erkennen.