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Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 |
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Vogelstoff Tafel 73 und beim Siviardsudarium die Kreiseinfassungen nicht wie sonst mit
Scheibchen, sondern mit Ringen gefüllt sind. Möglicherweise auch sind die rotae cathe-
natae, die im Inventar von 1295 noch öfter bei byzantinischen und cyprischen Mustern vor-
kommen, als verkettete Kreise zu übersetzen in dem Sinne, daß sie an den vier Berührungs-
punkten miteinander verschlungen waren.
Angenommen, daß die Kurie 1295 denselben Stoff besaß, so spricht das nicht not-
wendig gegen seine Entstehung im 11. Jahrhundert. Denn das Inventar zählt wie bei den
Metallgeräten den gesamten Besitz an Textilien auf, der bis zur Regierung Bonifaz' VIII
sich bei der Kurie angehäuft hatte, bringt also zum großen Teil alte Bestände. Aber nur,
wenn ein Stoff oder ein Gewand in verfallenem Zustand war, wurde ausdrücklich bemerkt,
daß es alt oder recht alt (bene antiquus) wäre; ebenso wird zuweilen hervorgehoben, daß
Stoffe neu oder noch so gut wie neu seien: „Sex pannos tartaricos quasi nigros, ad flores et
folia et bestias ad aurum, et sunt omnes quasi recentes; item duos alios pannos tartaricos albos
ad folia auri, et sunt novi sine foderatura". Jedenfalls wird durch das römische Verzeichnis
die byzantinische Arbeit unseres Goldbrokats und somit auch der stilverwandten Stücke
ausdrücklich beglaubigt.
Die Kreisborde des Aachener Elephantenstoffes erscheint noch einmal in dem auf halb-
seidener Kette derb gewebten Stück der Berliner Sammlung Tafel 75 (Abb. 247), das in
wagrecht ineinander geschobenen Kreisen paarweis adossierte Greifen enthält. Dieses Motiv
war im 12. Jahrhundert und darüber hinaus weit verbreitet, doch ist hier an der schweren
wuchtigen Zeichnung noch nichts zu bemerken, was die auf den Herzpalmetten der Kreis-
bänder beruhende Datierung ins 11. Jahrhundert erschüttern könnte. Einen großen Schritt
weiter in der Entwicklung des byzantinischen Seidenstils führt uns erst der bunte Greifen-
stoff Tafel 76 (Abb. 248). In den steigenden Greifenpaaren kündigen sich schon die leichter
bewegten Tiermuster des 12. Jahrhunderts an, und das Rankenwerk nähert sich dem zier-
lichen Linienspiel der Arabeske, ohne doch die griechische Arbeit zu verleugnen. Islamische
Herkunft wird durch die klar und deutlich gezeichneten Kreuze inmitten der Zwickelfüllung
ausgeschlossen. Zudem ist für die Wellenranke in den Kreisbändern eine Analogie in der
Chrysostomushandschrift des Kaisers Nikephoros Botaniates (vgl. Abb. 222) vorhanden. Der
Greifenstoff rückt damit ans Ende des 11. Jahrhunderts.
Die ganze Kraft und Größe, die Byzanz durch ernste Farbenstimmung und strenge,
ja starre Stilisierung seinen Seidenmustern verleihen konnte, entfaltet sich am schönsten in
den kaiserlichen Adlerstoffen, von denen uns zwar nicht viele, aber doch höchst ansehn-
liche Stücke erhalten sind. Es ist die einzige Gattung, die im römischen Inventar von 1295
(Inv. Nr. 959) als Kaiserstoff bezeichnet wird: „Item dalmaticam rubeam de panno imperiali
de Romania ad aquilas magnas cum duobus capitibus".¹) Es scheint, daß die ein- oder zwei-
köpfigen Adler für die byzantinischen Kaiser in Erinnerung des Römeradlers heraldische
oder symbolische Bedeutung hatten. Das Motiv an sich kann uns zur zeitlichen Einord-
nung der erhaltenen Gewebe nicht verhelfen, denn Adlermuster waren der Seidenweberei
im Orient und Abendland von spätantiker Zeit an geläufig; das Papstbuch erwähnt sie im
9. Jahrhundert öfters²) und die mächtigen Adlerfibeln des oströmischen Goldschatzes von
Petrossa aus dem 5. Jahrhundert sind vom Stil der Brixener Adlerkasel nicht gar sehr ver-
schieden.
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