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0227 Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2
絹織物の美術史 : vol.2
Kunstgeschichte der Seidenweberei : vol.2 / 227 ページ(カラー画像)

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doi: 10.20676/00000240
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OCR読み取り結果

verdichtete. Mit dieser formalen Musterentstehung ist eine durchgehende kirchliche Sym-
bolik nicht vereinbar.
Wenn die Weber wirklich kirchliche Muster schaffen wollten, so haben sie unter Be-
seitigung der chinesisch-phantastischen Formen bekannte christliche Tiersymbole, das Agnus
dei, das Einhorn, den Pelikan oder allgemein verständliche Motive, wie die Verkündigung,
Engel, Heiligenfiguren gewählt, so daß für jedermann die Musterdeutung klar war. Es wäre
widersinnig anzunehmen, daß sie, um religiöse Gedanken auszudrücken, sich bei der
größten Mehrzahl der Muster einer ganz geheimnisvollen Tiersymbolik bedient hätten, die
allen anderen Zweigen der gleichzeitigen christlichen Kunst fremd war. Jedenfalls wissen
die zeitgenössischen Quellen von solcher verborgenen christlichen Bedeutung nichts. Im
Prager Dominventar von 1387 sind die bilderreichen Trecentostoffe am ausführlichsten be-
schrieben; nirgends aber ist angedeutet, daß den Löwen und Hunden, Burgen, Strahlen
und Hürden ein kirchlicher Sinn innewohne. Und dieses lateinische Inventar ist offenbar
von Klerikern verfaßt, denen eine kirchliche Symbolik am ehesten hätte bekannt sein
müssen.
Allerdings sind manche Motive aus den Seidenmustern unter Umständen christliche
Sinnbilder; das Gehege kann den Hortus conclusus bedeuten, eine Burg die Porta coeli oder
Turris eburnea, ein Brunnen den Puteus aquarum viventium, der strahlende Stern ein
Mariensymbol. Bei den Seidenstoffen trifft das aber nur dann zu, wenn das ganze Muster
damit übereinstimmt. Umschließt das Gehege ein Einhorn, wie in der Abbildung 472, so
ist die christliche Bedeutung unverkennbar, obwohl das Einhorn hier formal vom Khilin
sich ableitet. Solche Fälle sind jedoch außerordentlich selten; in der Regel ergeben sich,
sobald man einem Muster kirchlichen Sinn unterlegen will, aus der Gesamtheit der Motive
unlösbare Widersprüche. Ließe sich das Segelschiff der Danziger Meßgewänder Tafel 167
zur Not als Sinnbild der Kirche auffassen, so stehen dem die schellenbehängten Wimpel
und die splitternackten Knaben durchaus entgegen; so sind christliche Engel, qui nec nubent
nec nubentur, im 14. Jahrhundert nicht dargestellt worden. Die scheinbar plausible Er-
klärung der mit den Buchstaben S und Y verbundenen Tiere auf der Danziger Altardecke
T. 172 (Abb. 440) als Jesus Salvator ist ebensowenig haltbar. In der Tafelbeschreibung
heißt es, daß der Hund im S, der sich von der Kette reißt, für die Erlösung bezeichnend
ist, während der Adler im Y, dessen Schwanzspitzen in christlich symbolische Wein-
blätter enden, als Symbol Jesus aufgefaßt werden müsse. Es ist schon bedenklich, daß
die italienische Kunst des 14. Jahrhunderts den Adler mit Blätterschwelf und den Ketten-
hund sonst nirgends als Sinnbild Christi und der Erlösung verwendet. Zudem sind auf
dem Brokat, wenn man genau zusieht, weder Hunde noch Adler, sondern Jagdleoparden
und Schwäne dargestellt, welche letzteren auch das Blattwerk am Schweif, eine in Lucca
häufige Umbildung des Flatterschwanzes der Fonghoang, nicht zum Symbol Jesus er-
heben kann.
Eine unbefangene Betrachtung kann als den vorherrschenden Grundgedanken der Tier-
muster nur die Jagd erkennen, das vornehmste Vergnügen der ritterlichen und höfischen
Kreise. Es ist bloß die chinesische Phantastik, welche bei den älteren Luccastoffen die freie
Entfaltung dieser Vorstellungen und die Freude an der natürlichen Darstellung des Tierlebens
noch hinhält. Je mehr vom Ausgang des 14. Jahrhunderts ab das Chinesentum überwun-
den und abgestreift wird, desto öfter und deutlicher kommen die Beziehungen zur Falken-
beize, zum Waidwerk mit Hunden und abgerichteten Leoparden zum Vorschein. Ein lehr-
reiches Beispiel bieten die beiden Brokate Abb. 490 und 491 (Tafel 197a, Kasel in Danzig).
Auf dem ersten bilden noch Adler und Löwen nach chinesischem Schema geordnet die
Hauptmotive; auf der Variante Abb. 491 sind die Adler bis auf ihr Flügelpaar beseitigt, das
an Schnüren befestigt ein Gerät der Falkenbeize vorstellt. Solche Flügel wurden in die Höhe