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0009 Reise in China und Tibet, 1905-1908 : vol.1
Reise in China und Tibet, 1905-1908 : vol.1 / Page 9 (Color Image)

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doi: 10.20676/00000265
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aus ohne Unterlaß die Umgebung überblicken. Die Geländegestalt meiner Umgebung aber war mir nicht bloß die Hauptsache, die ich auf der Karte wiederzugeben trachtete, sie mußte mir zugleich die Stützpunkte abgeben, um die Azimute der Wege und die Wegstrecken zu kontrollieren und zu korrigieren. Bergipfel, Bergränder, Erdtügel an Bergen, Flußecken, Häuser, Tempel, Pagoden sind ja in den übersichtlichen und nicht allzu vegetationsreichen Bergländern von Inner-Asien immer in Hülle und Fülle zu sehen, und so hatte ich stets eine große Zahl von Punkten zur Linken und Rechten, vorn und hinten in der Arbeit, die zu jedem Aussichtspunkt, zu jeder größeren Wegbiegung mit Hilfe eines Prismenkompaßes — oft alle zehn Minuten — und natürlich nicht vom Pferde aus, sondern zu Fuß, angepeilt wurden. Insonderheit wurden von mir auch immer Landmarken gesucht, so bildeten die zackige Gipfel des Hua schan (Bl. 4), dann der Gipfel des Dang du schan (Bl. 8), Teile des Tsin schan, des Ala schan, Lo und Ma tsi schan u. s. w. Peilobjekte, die für die weitesten Entfernungen bestimmend wurden. Der Dang du schan und Tse kin schan z. B. wurden von Süden aus einer Entfernung von 125 km zum ersten Male angepeilt, und, nachdem ich die Bergkegel bestiegen hatte, wurden sie im Norden noch aus einer Entfernung von 110 km gesehen und als Richtungspunkte benutzt. Solche Seiten-, Rück- und Vorpeilungen wurden so häufig wie möglich mit dem großen Prismenkompaß wiederholt, der auf ein Stativ festzuschrauben und durch Libellen horizontal zu stellen war, sowie Ablesungen von ½ Grad Genauigkeit gab. Auf Aussichtspunkten wurden Polhöhen-Azimute nach der Sonne bestimmt unter möglichster Berücksichtigung der tatsächlichen Beleuchtungswinkel ausgeführt. Mit Hilfe eines durch Libellen geregelten Stagnations-Cameras wurden zahlreiche photographische Aufnahmen gemacht. Möglichst viele Böschungswinkel der Talwände und der Berggrate wurden gemessen, um die aus der Instrumenten-Entfernung zu berechnen. Wurden die Höhen mittels zweier Aneroid- oder Schleuderthermometer oder Aspirations-Psychrometer bestimmt. Die Aneroid-Ablesungen wurden durch Vergleichung mit Stationsthermometer-Bestimmungen, die mehrfach auch auf Pässen und Gipfeln und nicht bloß in ruhigen, wettergeschützten Quartier ausgeführt wurden, verbessert. Auch wurde zur Unterstützung für die Berechnung der Höhen während der ganzen dreijährigen Reise ein fortlaufendes meteorologisches Journal geführt, in das neben den Temperaturen während des Marsches täglich um 6 und 7 Uhr a. m., um 2 Uhr und 9 Uhr p. m. Luftdruck- und Temperatur-Ablesungen, Windrichtung, Windstärke, Bewölkung, Wolkengang u. s. w. eingetragen wurden. Die Höhen, die nicht gemessen werden konnten, wurden möglichst von verschiedenen Punkten aus geschätzt, wobei mir ein Handivellen-Instrument große Dienste leistete.

Ein wunder Punkt meiner Ausrüstung war das Instrumentarium zu astronomischen Messungen. Es kam dabei, daß ich nicht von Europa, sondern von Schang hai aus die Reise antrat und nicht erst das Ehepaar Wilhelm Filchner auf seiner Reise nach Tibet begleitet hatte. Ich hatte von Herrn Leutnant W. Filchner bei seiner Heimkehr allerdings eine Glashütter Uhr erhalten können; aber kein Präzisionsinstrument und konnte in Schang hai zwar einen durch das Kgl. Observatorium geprüften und dessen 7½ stelligen Sextant der bekannten Firma Heath & Co., London, sowie eine weitere Präzisionsuhr und aus einer Apotheke Quecksilber erwerben; aber es gelang mir insbesondere nicht, einen befriedigenden Wind- und Staubschutz für meinen Quecksilberteller bei den notwendigen Sternbeobachtungen mit dem Sextanten immer zu bringen. Deshalb habe ich nur

angern zu diesem Instrument gegriffen und selten die Nachtstunde meiner Reise damit die abendste der Gang meiner beiden Uhren befriedigend war. Ein kleines Universal-Instrument und Stativ, das ich mir von Europa hatte nachschicken lassen, hat mich leider nie erreicht, sondern ist irgendwo zwischen der Küste und Lan dschou fu verloren gegangen.

Ein Teil meiner Routenskizzen wurde schon unterwegs im Maßstab 1 : 100.000 auskonstruiert. Die eigentliche und genaue Konstruktion erfolgte jedoch erst zu Hause, fern von den Pferden und dem Zug der Packiere und den vielen Mühsalen und Annehmlichkeiten der Reise. Unter Zugrundelegung der notierten Marschgeschwindigkeit und der einzelnen daraus abgeleiteten Wegen sowie der Azimute der Wegstrecken konnte man nach der nackten Routenlinie auf Millimeterpapier im Maßstab 1 : 100.000 auftragen. Sogleich wurden auch — gleichfalls mit dem Strahlenziehen — die Peilstrahlen von diesen Peilpunkten aus eingetragen, und die so entstandenen Tausende von Dreiecken dienten mir als ganz vorzügliches Mittel, um die Weglinie ständig zu kontrollieren, hin und wieder auch um einige Grade zu schwenken und bei steilen An- und Abstiegen die abgemessene, abgeschätzte und nach der Uhr berechnete Weglinie richtigzustellen. Ohne weiteres ergaben sich die Druckpunkte 1, 2 und 3. Zeichnung, kurz, es entstand eine auf Peilungen mit dem Prismenkompaß beruhende und graphisch ermittelte Version der Routenaufnahme, die der Herr Chef der Kgl. Preußischen Landesaufnahme, der frühere Chef der Trigonometrischen Abteilung, Herr Generalmajor von Schreiber, bei seiner Untersuchung als „flüchtige Triangulation" bezeichnete. In dieses Gerüppe von sich überschneidenden und durchkreuzenden Dreiecken wurde dann mit Hilfe der Kartieren, Zeichenlinien und Photographien mit leichter Mühe die Geländeform übernommen. Mit Hilfe der inzwischen zu meinen Stationsbeobachtungen und Ablesungen berechneten Höhen, sowie mit Hilfe der fortlaufenden Schätzungen der relativen Bergriesen und mit Benutzung der gemessenen Böschungswinkel wäre ich es, die Geländeformen Höhenschichtlinien im Abstand von etwa 50 m auszudrücken.

Für die Berechnung der Höhen waren, da in der Nähe des durchreisten Gebiets geeignete Basisstationen fehlten, Isobaren-Karten unentbehrlich. Als Vergleichs- und Kontrollmaterial und als Ausgangsmaterials für die einzelnen Monate gezeichnet waren: die in der Indian Monthly Weather Review enthaltenen Monats-Isobarenkarten, ferner Beobachtungen von 100 Stationen in Sibirien und im Russischen Zentral-Asien, von 100 Stationen in Japan, von 20 Stationen auf den Philippinen, von 20 japanischen Stationen auf Korea, in der Mandschurei und in China (Pe-king, Nan-king, Tien tsin, Han kow, Scha si u. a.), die Beobachtungen der Observatorien 25 ka wei und Hong-kong. Mit Hilfe der aus diesen Karten entnommenen Luftdruckwerte für das Meeresniveau wurden dann zunächst für alle Orte, von denen mir Beobachtungen vorlagen, die Höhen berechnet, wenn die julianischen Höhentafeln benutzt wurden. Die in meinem Tagebuch liegenden Höhen fortlaufend, von Tag zu Tag, unter Berücksichtigung der täglichen Periode ermittelt und aufeinander Unterschiede durch wiederholtes Zurückgreifen auf die Luftdruckkarten kontrolliert und verbessert.

Nachdem die Millimeterblätter fertig gezeichnet waren, wurde ein Gitter im Maßstab 1 : 1.000.000 auf die Millimeterblätter konstruiert, in das sämtliche mir bekannten astronomischen Werte der von mir berührten Orte eingetragen wurden. Zwischen diese wurden dann die graphisch ermittelten Strecken und Azimute hinein-

geschoben. Hierbei mußte meist eine kleine, aus der geringen magnetischen Deklination jener Gegenden sich ergebende Verschiebung des Azimutes von 2°—3,5° erfolgen. Die Strecken wurden zum großen Teil unverändert oder nach nicht sehr wesentlichen Veränderungen übernommen. Die größte Veränderung war eine Verkürzung um ⅓ und kam zwischen Bau de dschou und Ke-lan-dschou vor; eine Verkürzung um ⅙ mußte zwischen Kue-hua-tscheng und Hlen-feng tse, um ⅙ zwischen Kue-hua-tscheng und Bau te-feng und Bau te-feng erfolgen.

Die für auf meiner Reise liegenden Orte standen mir in erster Linie die von den berühmten oben Jesuitens ausgeführten Ortsbestimmungen zur Verfügung; die Du Halde¹) und später Playfair²) herausgegeben haben, außerdem neuere Ortsbestimmungen von Potanin³), Rockhill⁴), endlich von mir selbst. Ich habe sodann noch gewagt — um mir ein Bild zu machen und einen Vergleich zu haben — aus allem mir zugänglichen Karten die Breiten- und Längenwerte zu entnehmen; denn es war mir nicht unbekannt geblieben, daß von englischer Seite noch verschiedene Ortsbestimmungen im Innern Chinas vorgenommen worden sind. Auf eine diesbezügliche Anfrage hin mir aus London die Mitteilung zu, daß in dem vom englischen War Office 1906 herausgegebenen Blatt Hu nan 1 : 1.000.000 sowie in dem 1908 bei Stanford erschienenen „Atlas of the Chinese Empire" niedergelegt worden sind am besten von dort zu entnehmen seien. Nachdem ich dann zu all diesen Werten noch meine graphischen Werte eingezeichnet und sie im Maßstab 1 : 500.000 festgestellt hatte, welche astronomischen Werte am besten zu meinen graphischen Werten stimmten, und entschied mich für die Schaffung der Vorlage zu den Stich der Karten im Maßstab 1 : 300.000. In der hier im Schluss folgenden Postkarte sind alle die Werte, die hierin Verwendung fanden, mit dem Vermerk „verwendet" aufgeführt.

Da vielfach das Auge wegen Dunst, Luftstaub oder auch wegen der verworrenen Geländekonfiguration nur die nächste Umgebung genauer einzusehen vermochte, die weitere Umgebung mir ungenaue und mit nicht mit Sicherheit erkannte konnte, so wurden die voll ausgezeichneten Höhenschichten punktiert ausgezogen, die das weniger Sichere wiedergeben sollen. Auch fiel ich, um einen dritten Grad der Genauigkeit zu unterscheiden, durch bloße Schraffierung alles Gelände wiedergeben, von dem ich wegen allzu großer Fernsicht oder wegen Unübersichtlichkeit nur einen allgemeinen Eindruck gewinnen konnte. Da ich mich auf kartographisch jungfräulichem Boden bewegte, so glaube ich, daß ich mit dieser Unterscheidung einem kleinen Dienst habe erweisen können.

Nächst der Geländewiedergabe beschäftigte ich mich, allgemeine geographische Verhältnisse in die Karte aufzunehmen, nämlich eine eingehende Bild der Bevölkerungsdichte zu geben, nachdem ich

durch Fragen von mir sowohl als von meinen Leuten sowie durch Schätzung und Abzählen die Personenzahl der besuchten Orte gewonnen hatte. Es sind in jenen Gegenden im Durchschnitt etwa 7 Köpfe auf jede Familie zu rechnen. Auch ist ferner die Wald- und Baumbedeckung gezeichnet worden. Das Verbreitungsgebiet von Baumwollpflege, von Reisbau, Baumwolle, Jujuben (den sogen. chinesischen Datteln, Zizyphus) u. dgl. ist nach Möglichkeit eingezeichnet worden. Dagegen sind die politischen Grenzen, die Grenzen der einzelnen Kreise und Präfekturen nicht aufgenommen worden, da ich dafür keine Zeit und namentlich nicht fortlaufende Angaben aus dem Munde der Ansässigen erhalten konnte.

Die chinesischen Ortsnamen sind möglichst einfach in einer verständlichen Weise wie bei den chinesischen Posts und Telegraphenlisten üblichen Transkription wiedergegeben. Die Karten von Geographen und Personen in die Hand genommen werden, die nur in vereinzelten Fällen in die Schwierigkeiten der chinesischen Schrift und Sprache eingedrungen sind, so habe ich alle die Wiedergabe der Töne und der Aspirationen von vornherein verzichtet und das Wadsche-System der Transkription daher nicht anwenden können.

Die Hauptinteresse hatte für mich während und nach der Reise das Studium des Gebirgsbaues der besuchten Länder. Es wurden, wie immer sich anbietenden Geleiten fand, genaue Messungen der Lagerungsverhältnisse vorgenommen, von denen ich einen Teil in die Karte in Gestalt der üblichen geologischen Zeichen (meist in roter Farbe, später, von Blatt 15 an, aus Sparsamkeitsrücksichten in Schwarz) aufnahm. Leider konnte ich ebenfalls aus Gründen der Sparsamkeit — nicht auch die geologischen Formationen in die Karten eingezeichnet werden, sondern konnte bloß hin und wieder kleine Notizen darüber geschrieben werden. Nur die Verbreitung der beweglichen Sandmassen, die ich unterwegs hatte, durch eingehend Handschrift wiedergegeben lassen, da es mir nötig schien, ein so bedingt deutlich herauszuheben. Was die Lesung der geologischen Lagerungszeichen anbelangt, so ist