National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
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Meine Tibetreise : vol.1 |
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Reiter, eine Yak- oder Schafherde. Steil und kühn als riesige Pyramide stieg gerade uns gegenüber der Berg Amne sertschen (Amnye gser tschen)1) empor. Während sein Fuß, von dichten Matten bedeckt, ganz allmählich in die See- ebene auslief, zeigte der obere Teil die steilen Formen der tibetischen Steppen- gipfel und kahle Schutthalden glänzten von dort oben zu uns herab. Wir waren froh, als nach der schrecklichen Nacht endlich die ersten Sonnenstrahlen diesen Gipfel vergoldeten. Wahrlich, ich verstand an jenem Morgen, warum dieser Berg den Tibetern heilig ist und warum sie sagen, er sei von einem ihrer Stammväter bewohnt, der als Berggeist über das Wohl und Wehe von allem Lebendigen, was auf seinen Hängen herumläuft, entscheiden kann! Uns todmüden und vor Kälte zitternden Flüchtlingen war es an diesem Morgen nicht leicht geworden, ein kleines Dungfeuer in Gang zu bringen. Mit Hilfe des einen geretteten Blasebalgs verwandelte sich das bißchen Schnee in unserem Topfe langsam in Wasser und kam nur mit Mühe zum Sieden. Als aber der ersehnte Trank endlich fertig war, griff zuerst Fen nach dem großen Tee- schapfe, den er vorsichtigerweise vom Unglückslager mitgenommen hatte, füllte ihn zwei-, dreimal voll Tee und sprengte seinen Inhalt hoch in die Luft. „Arro !" rief er dazu aus vollem Halse. „A y--á ! Amne Sertschen, Amne Matschen, Amne Bayan ! Heil euch und allen euren Brüdern ! Dank euch allen für den Schutz, den ihr uns in dieser Nacht gewährt habt. Wir bitten euch, bringt uns auch wirklich wieder heil in die Heimat!" Darauf warfen sich alle meine Begleiter auf die Erde in der Richtung nach Süden gegen den nächsten der großen Bergriesen zu, dessen Gipfel noch immer als der einzige von der Sonne beleuchtet dastand. Es lag ein wunderbarer Zauber in der spontanen Äußerung dieser halbwilden Menschen. Selbst mein bischöflicher Koch konnte nicht mehr an sich halten und machte mit Tränen in den Augen drei Ko tou vor den tibe- tischen Bergriesen. Tibet ist ein Land voll von Sagen. Der Mensch ist dort umgeben von einer großartigen Natur. Jeder Berg und jeder See ist von der wilden Phantasie seiner intelligenten Bewohner belebt worden. Beim Hüten von Schafen und Rindern hat man Zeit, über die umgebende Natur nachzugrübeln. Man hat auch Zeit, die alten Sagen weiterzuspinnen. Darum sind über den Kuku nor und seine Entstehung gar vielerlei Geschichten in Umlauf. Die einen sagen, die Wassermassen des Sees hätten einst unter Lhasa gestanden und seien von dorther unterirdisch nach Osten gerollt, um zuletzt wieder an die Oberfläche zu kommen und den Blauen See zu bilden. Erst seither stünden die Kathedrale von Lhasa und die vielstöckige Burg auf dem Potala auf festen Füßen. Die anderen wissen von einem alten Heiligen zu berichten, der einst zwei Wurzeln an der Stelle, wo sich der See heute befindet, ausgegraben habe. Die eine sei rot und die andere weiß gewesen. „Er zerschnitt die rote und aus der zerschnittenen Wurzel floß so viel salziges Wasser, daß die ganze große Ebene, die der See heute einnimmt, von Wasser bedeckt wurde. Hätte der Heilige die weiße Wurzel zerschnitten, so wäre Milch herausgeflossen und statt des salzigen Wassers wäre heute Milch | |||||||
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1) Amuni oder Amnie, nach Klaproth und Rockhill Amye, Vorfahre oder Ahn. Es sind dreizehn solcher Amne-Gipfel in Nordosttibet, von denen der Amne Matschen der höchste und heiligste ist. Amne gser tschen würde etwa „großer goldener Vorfahre" heißen, wenn nicht etwa eine Erinnerung an „Cesar" darin zu suchen ist. | |||||||
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