National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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| 0383 |
Meine Tibetreise : vol.1 |
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ich den Umweg über den Si ni ts'o gemacht, hatte ich allerdings die „Tala"
nicht an ihrer größten Breite angefaßt. Die Leute wurden ihrer Sache so sicher,
daß sie, ohne mich erst zu fragen, den Wasservorrat bis auf wenige Schluck auf-
brauchten. Über die Hälfte eines Schlauches ging beim Waschen der Koch-
geschirre verloren.
Nach einer unruhigen Nacht — wir wurden dreimal durch ein Rudel Wölfe
belästigt, die uns so menschenähnlich anheulten, daß wir jedesmal an einen
Räuberangriff dachten — war die Karawane am Morgen des 4. Mai schon kurz
nach fünf Uhr weitergezogen. Ich ließ diesmal die Morgenkälte ausnützen. Um
fünf Uhr zeigte das Thermometer — 7,5° C. Wir marschierten ohne Unterbrechung
bis halb ein Uhr mittags, dann las ich + 14,2° C. am Aßmann ab und bei den
Tieren, die alle noch ihre dichten und langen Winterhaare trugen, war eine so
allgemeine Erschlaffung eingetreten, daß an einen Weitermarsch nicht mehr
zu denken war. Mehr als ein Dutzend Ochsen konnte den Lagerplatz nicht er-
reichen und sämtliche Pferde mußten noch einmal zurückgesandt werden, um
liegengebliebene Lasten zu holen. Erst um Mitternacht gelangten die ermatteten
Tiere unter der Leitung von H'an und Me ins Lager.
Als es bei Sonnenuntergang endlich klar wurde, erschienen die Gipfel des
Semenowgebirges noch um keinen Schritt näher als den Abend zuvor. Nur ein
steil aufsteigender Kegel, direkt im Süden, hatte sich jetzt von der übrigen
Bergmasse losgelöst und bewies uns unseren Fortschritt. Keck und dräuend
streckte der zackige Berg sein schwarzes Haupt aus den gelben Sandmassen,
die seinen Fuß eng umschlungen hielten. Nach seinem ganzen Aufbau und
Charakter war er grundverschieden von den dahinterfolgenden mauerartigen
Gebirgsketten. Es war der „Amne Bayan", der „reiche Bergvater", der heilige
Berg dieser Gegend, ein Riese, der unfern vom Hoang ho Wache hält und un-
ermeßliche Schätze in seinem Innern bergen soll, von denen die Umwohner
Sagen erzählen. Er liegt weit vor dem Semenowgebirge inmitten von Treib-
sandmassen. Eine winzige Quelle soll dort finden, die den Pilgern zur
Labung dient, auch von einem heilig gehaltenen Hain, den die Tibeter ängst-
lich hüten, wurde mir erzählt, endlich von einem Tempel, den zeitweilig Lama-
eremiten bewohnen.
Als wir am Abend unseren Tee einnahmen — es reichte nur noch eine Tasse
für jeden — da gab es eine lange und lebhafte Debatte, ob der Berg uns gefoppt
habe oder nicht. Die Kue de-Mannschaft behauptete es ganz bestimmt, denn
der Berggeist tue dies sehr gerne und gestern seien wir doch sicherlich ebensо-
weit gewesen wie heute. Die Leute saßen sehr kleinlaut um das Lagerfeuer
und beteten unausgesetzt. Der Tod des Kranichs mußte wieder herhalten.
Tsch'eng, der Schuhmacher und Mundschenk, der gleichzeitig der Hohepriester
meiner Buddhisten war, griff, um den Geist zu befriedigen, zweimal mit dem
großen Teeschapf in den Kessel und schleuderte den Inhalt unter Anrufung des
Amne Bayan hoch über unsere Köpfe in die Luft. Erst nach dieser ausgiebigen
Libation goß er jedem seinen kleinen Teil in den vorgehaltenen Becher.
Die Nacht über war der Himmel bedeckt und darum sank das Thermometer
nur bis — 1° C. Es gab die gewöhnlichen Intermezzi: um elf Uhr fand ich Sung
und um zwei Uhr Tschang auf Posten schlafend. Die Hunde wurden mehrmals
sehr unruhig und rannten wutentbrannt in die Steppe hinaus. Wir konnten
jedoch nie herausbringen, was los war. Wir nahmen uns vor, von jetzt an
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