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0064 Meine Tibetreise : vol.2
Meine Tibetreise : vol.2 / Page 64 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000264
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Ohren. Auch am Tage war es nicht möglich, mit den Räubern zu unterhandeln. Sie
saßen wie Aasgeier, die auf ihre sichere Beute warten, droben auf den Bergen."

Meine Mannen haben ein großes „sang", ein Streuopfer, angezündet, um
die Götter zu bewegen, uns eine glückliche Rückkehr nach Ts'aidam zu ge-
währen. Sie haben einen hohen Altar auf dem nächsten Hügelchen gebaut
und auf ihm unter Anrufungen und Gebeten Thujazweigchen und Tsamba-
kügelchen, Tsamba-ts'ats'a und Tsamba-smonlam hkor verbrannt. Dann, ehe
wir abzogen, haben sie in heller Wut die sechzig ledigen Sättel aufeinander-
getürmt und angezündet. Eine Kiste Stearinkerzen, eine Kiste Alkohol,
Kampfer, Naphthalin, eine halbe Last botanisches Papier flog in das prasselnde
Feuer. Hellauf loderten auch die Zelte und die Kisten. Zischend explodierten
die Pulverbeutel. Goethes „Faust", das Neue Testament, Nietzsches „Zara-
thustra", Köppens „Buddhismus", Richthofens „Führer" gingen in Flammen
auf. 1500 Pfund Mehl, Gerste und Reis, chinesische Nudeln und ein Sack Zucker
und Butter wurden teils verbrannt, teils in den Bach geschüttet. Als die
Flammen nun auch auf meine Sammlungen und Sammelapparate und auf die
Trophäen übergriffen, als sie die Insektenschachteln, die Schmetterlinge und
Käfer, meine sorgsam präparierten Bärenhäute, meine Wildyak-, Ovis Poli-,
Antilopenfelle versengten, nahm ich rasch mein schweres und ungewohntes
Ränzel auf und kehrte dem Unglückslager den Rücken.

Zwei Kilometer lag das Lager hinter uns, da näherten sich ihm vorsichtig
die tibetischen Hyänen. Zu Fuß, wie wir waren, konnten wir natürlich gegen sie
nichts ausrichten. Sichtlich wichen die Tibeter jeglichem Rencontre aus. Wir
zogen nun genau nordwärts. Aber langsam, ach, erschreckend langsam ging es
vorwärts, quer über die kaum merklich wellige, beinahe vegetationslose Talung.
Jedes der kleinen Bächlein, das sich in zahllosen engen Mäandern durch diese
Ebene zog, machte uns, die bisher hoch zu Roß sie gar nicht weiter beachtet hatten,
langwierigen Aufenthalt. Was sind doch diese kleinen Bäche in Tibet eisig kalt!

Um Mittag wateten wir durch drei Arme eines Flusses. Das Bett war 300 m
breit und das Wasser reichte uns an der tiefsten Stelle bis nahe an die Hüfte¹).
Wir marschierten den ganzen Tag und waren mit einbrechender Dunkelheit
doch erst auf der anderen Seite der Ebene, wo riesige Sandbarchane uns den
Weg verlegten. Hier richteten wir uns, todmüde von dem ungewohnten Marsch
und den schweren Lasten, ein Lager zurecht. Düstere Wolken schoben sich
mittlerweile aus Westen zusammen und bald peitschten die erbsengroßen
Hagelkörner eines tibetischen Gewitters uns obdachloses Häuflein mit ele-
mentarer Gewalt. Und dann regnete es die ganze Nacht hindurch in Strömen.
Nur ein dünner Filz war unsere Decke, unsere Unterlage ein Fell, ob es auch
schneite, ob es regnete. Bis spät in die Nacht hinein sahen wir an dem Platz,
wo der Überfall stattgefunden hatte, die zahlreichen Lagerfeuer der Räuberbande.

Am nächsten Tage stießen wir unversehens auf ungemein deutliche und
breite Wegspuren, und kurz darauf erreichten wir zahlreiche alte Kochgräben,
einen Lagerplatz, um den rings auf Hügeln Steinaltäre standen. Wir waren
auf die Goba-Straße geraten, die hier nördlich des Kuku schili-Gebirges — in