National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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Meine Tibetreise : vol.2 |
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Auch am zweiten Tage dauert das Fest oft bis in die Nacht hinein, bis alle
Vorräte des Dorfes zu Ende sind.
Im Herbst allein kennt man kein größeres Fest. Alles ist dann vollauf mit
der Ernte, mit Dreschen und Pflügen beschäftigt. Es würde ja auch nicht dem
ostasiatischen Volksgefühl und Nationalcharakter entsprechen, wenn irgend
ein Ernte d a n k fest gefeiert würde! Später im Jahr, nachdem längst der erste
Schnee gefallen ist, versammeln sich die Männer des Dorfes, schlachten gemeinsam
ein bis zwei Yakrider, die sie bei den Zeltbewohnern höher oben gekauft haben,
und gehen dann zusammen acht bis zehn Tage lang mit ihren Schadschüch'
auf die Jagd in die Wälder. Während des ganzen Frühjahrs und Sommers
darf nirgends gejagt werden, damit die Wald- und Berggötter nicht verärgert
werden und womöglich Hagel schicken und die Ernte vernichten. Alle Tschungro
und Dorfvorsteher achten stets darauf sehr genau und bestrafen mit großer
Strenge, — selbst Chinesen wird das Gewehr weggenommen — wer immer beim
Übertreten dieses Gebots erwischt wird. Das geschätzteste Wild ist auch in
Kin tschuan das Moschushirschchen, „dyamso" genannt, dann der große ost-
asiatische Hirsch, „schaoê", die Klippziege [Capricornis (Nemordhoedus)
argyrochaetes Heude; chin.: ngá lü, in der Kin tschuan-Sprache: „riê"], Wild-
schafe (Pseudovis nayans Hodgs., „lurgot" bei Tibetern und Rardan ba), die
in Rudeln zu vierzig und fünfzig Stück vorkommen, und der Budorcas taxicolor
(chin.: da tschin) und verschiedene Pantherarten wie der Irbis haben hier die
Grenze ihres Verbreitungsgebiets. Der Ailuropus melanoleucus Edw., früher
Ursus melanoleucus, der weiße osttibetische Katzenbär, der seltsamste der drei
sonderbaren Vertreter der nur zwischen östlichem Himalaya und Se tschuan
vorkommenden Familie der Ailurinae, der bekanntlich erst vor wenigen Jahren
entdeckt wurde, haust hier neben dem schwarzen Ursus tibetanus. Der Ailuropus
melanoleucus ist auf das chinesisch-tibetische Grenzgebiet beschränkt und fehlt
bereits in den benachbarten Hor ba-Staaten. In der Kin tschuan-Sprache
heißt er „dschragom" (Klippbär); unter Zoologen ist er meist als Bambusbär
bekannt. Er ist auch hier nicht häufig und treibt sich meist einsam in den schwer
zugänglichen Urwaldschluchten und auf Bäumen zwischen 1500 und 3500 m
Meereshöhe umher; er lebt von Wurzeln, Beeren, vor allem von Eicheln. Im
Herbst, wenn die Felder reifen, wagt er sich bei Nacht wie die echten Bären
aus dem dichten Dschungel heraus und wird dann mit Schlingen und auch
mit der Gabelflinte von den eingeborenen Jägern erlegt. Er erreicht eine Länge
von 1,30 m, ist von blendend weißer Grundfarbe, und hat nur einen schwarzen
Augenring, schwarze Hinterfüße und die Vorderbeine bis zur Schulter sowie
die Schwanzspitze schwarz. Sein Fell kommt manchmal in die Hände chine-
sischer Händler; es ist bei den Eingeborenen wenig geschätzt und um wenige
Kupfercash zu haben, da es kurzhaarig ist. Das Fleisch gilt für ungenießbar.
Das zweite Tier dieser Familie, die kleine Kitek, Ailurus fulgens styani Thos.,
in der Größe eines Fuchses, ist häufiger. Es sucht in Kin tschuan meist zu
zweien und dreien nächtlicherweise die Eingeborenenhöfe auf und stiehlt
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