National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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Meine Tibetreise : vol.2 |
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meine Nase und meine Kniescheibe hätten am liebsten alle der Reihe nach
betastet. In ganz Osttibet herrscht die Ansicht, daß letztere bei den Europäern
fehlt. Das allermeiste Interesse bot aber wiederum mein Zeißglas. Alle
rissen sich darum und jubelnde Schmeichellaute ertönten, wenn sie damit ganz
in der Ferne eine Antilope, ein Wiesel entdeckt hatten. Sie brachten auch Kranke,
Lungenleidende und unter anderem einen Mann aus Wuta, dem in dem Erlen-
busch, von wo wir zuerst das Dorf erblickt hatten, ein Paar Strauchritter seine
Habe weggenommen und ihm obendrein die Achillessehne durchschnitten
hatten.
Sogar in diesem kleinen Nest traf ich einen mohammedanischen Kaufmann,
der gegen Vorschuß Häute und Wolle aufkaufte. Er nahm mich wie ein euro-
päischer Missionar vom hintersten China bei sich auf, froh, wieder einmal einen
gebildeten Menschen zu sehen. Er schächtete gleich einen Hammel mir zu Ehren
und lud mich auf den Abend in sein Zelt ein, wo ihm eine tibetische Jungfrau
wirtschaftete.
Mir fiel auch hier oben in Ober-Zangskar die geringe Zahl Kleinvieh auf, die
gehalten wurde. Auch ohne Seuche — sagte mein Gastfreund — haben sie in
ganz Zangskar sehr wenig Schafe, und Ziegen fehlen ganz. Der hohe Winter-
oder vielmehr Frühjahrsschnee wurde mir als Grund angegeben. Dieser hat
zugleich im Gefolge, daß sich gerade in dieser Gegend, wo der Einfluß des Monsuns
die schönsten Weiden zeitigt, die Besiedlung nur sehr gering ist. Die Einwohner
träumen immer von den schönen Prärien im Norden und am Kuku nor, weil
dort viel weniger Schnee fällt und Kleinvieh besser und müheloser durchkommt.
Soweit das Gebiet Ngaba nicht Felder besitzt, gilt auch dies als überaus arm.
Auch dort ist die wahre Ursache, daß die Tibeter keine rationelle Weidenwirt-
schaft verstehen, daß sie nur für ihre wenigen Lieblingspferde im Spätherbst,
wenn das Gras schon dürr ist, mit ihren kurzen Sicheln einige Bund Gras ein-
heimsen und nie in unserem Sinne Heu machen. Tritt im Frühjahr ein stärkerer
Schneefall ein und bleibt der Schnee für vierzehn Tage liegen, so gehen ihre
Schafe zuerst zugrunde.
18. Juli. Ein echter Tiberegen fällt mit Graupeln und nassen Schnee-
flocken, und so bleibe ich gerne noch einen Tag hier liegen. Ich hatte große Lust
heute, meinen Reiseplan über Sung pan ting und Tao tschou aufzugeben und
dafür bolzengerade nach Norden zu reiten. In östlicher Richtung auf Sung pan
zu soll ich nach hiesigen Angaben erst in drei Tagen am ersten Haus eines Dorfes
ankommen und von dort an noch weitere zwei Tage bis zur Stadt Sung pan
rechnen müssen. Nordwärts dagegen soll ich von Ober-Zangskar aus schon
nach fünf Tagen das Kloster von Tangsker und den Hoang ho und von dort in
weiteren fünf Märschen die Stadt Tao tschou erreichen. Zwischen Zangskar und
Tangsker soll ich nur das Gebiet von Tschirchama zu queren haben, das in der
Einflußzone von Sung pan ting liegt und vom rechten Ufer des Hoang ho noch
etwas auf das linke übergreift. Betrachte ich meine Karten, so werde ich freilich
diesen Berichten gegenüber äußerst skeptisch. In fünf kurzen Tagen soll ich Somo ver-
lassen. In fünf kurzen Tagen soll ich genau im Norden den Hoang ho finden,
der erst weit, weit im Nordwesten irgendwo eingezeichnet ist? Es zuckt mir in
allen Gliedern, diesem Rätsel nachzuspüren. Doch der Teehändler machte
meinem Schwanken rasch ein Ende. Unmöglich sei's, mit meinen drei Leuten
durch die Räuberbanden im Norden zu kommen. Auch der Weg über Merge
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