National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0086 Meine Tibetreise : vol.2
Meine Tibetreise : vol.2 / Page 86 (Color Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000264
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

ich kaum noch zu erwähnen. Auf dem Marsche wurde auch von ihnen unausgesetzt
laut gebetet und jeden Abend bauten sie aus Erdschollen einen kleinen Altar,
auf dem bei Sonnenaufgang Tamariskenzweigchen den Ortsgeistern verbrannt
wurden. Sie weissagten bei jeder Rast aus Schafschulterblättern, aus neun
Würfeln und aus den Rosenkränzen, was in den nächsten Stunden passieren
würde. Als ein Rabe kam und mich krächzend umflog, sagten sie gleich, ich
hätte großes Glück und würde noch sehr reich werden. Der Rabe ist in Tibet
ein Glücksvogel. Auch bei den Lama gilt der Rabenruf für ein gutes Zeichen.
Wenn er frühmorgens vor einer Priesterzelle ertönt, sagt sich der Insasse, man
werde heute noch nach ihm rufen und ihn für Gebetelesen gut bezahlen. Schon
unter den Chinesen in Hsi ning aber gilt der Rabenruf, zumal in Gegenwart
von Kranken, für ein schlechtes Omen. Die Chinesen nennen den Raben „lao
wa" und er soll „Wa! wa!", d. h. „Grab! grab!" (grab ein Grab!) rufen. Wenn
er vor einem Krankenzimmer krächzt, werfen ihm die Chinesen ein Papier,
worin Asche ist, vor und heben damit seinen Bann auf.
Lama dyi vergaß nie, wenn wir Tee gekocht hatten, über unsere Tardo
(tab rdo), über die drei Steine oder Erdschollen, die das dreifüßige Gestell
unseres Kochgeschirrs bildeten, die gebrauchten Teeblätter auszuschütten.
Dies galt als Opfer für die Ortsgeister. An der Feuerstelle, sagte er, ist die
Wohnung unseres Schutzgottes (tab lha, entspr. dem chines. Ts'ao schen) und des
Ortsgenius, die uns schaden oder nützen werden, je nachdem wir unser Tardo
behandeln. Die Tardo, die drei Steine unseres Waka, stellte auch Lama dyi
wie mein Tsch'eng stets neu zusammen, aus Aberglauben benützte man nie
die einer früheren Reisegesellschaft. Beim Aufbruch sprach er immer die Worte
über das Tardo: „Ich werde dich wiedersehen." Das geschah in der Hoffnung,
daß der an der Feuerstelle wohnende Gott, dem er es gegeben hatte, ihn
vor jeder Gefahr schützen und glücklich wieder bis an diesen Platz zurück-
bringen werde. Daß er mit den Worten: „mtschod bambel" von jeder Speise
den Göttern eine Libation zuwarf, ehe er davon kostete, brauche ich nach
früheren Erzählungen kaum noch zu erwähnen.
Meine Führer hielten auch immer sehr darauf, daß wir alle Knochen fein
säuberlich abnagten. „Reisende, die nicht reinen Tisch machen," bedeutete
mir Lama dyi, „werden in Tibet sicher von allen Räubern überfallen; an ihrer
Verschwendung erkennt man sie als Fremde und reiche Leute, und die Räuber
stellen ihnen so lange nach, bis sich eine günstige Gelegenheit zu einem Hand-
streich bietet." Alle Knochen wurden von ihm sorgfältig aufgeschlagen und
das Mark herausgenommen. Nur die Tibia durfte nie geöffnet werden. Warum
gerade diese, konnte ich freilich nie feststellen; es sei sehr gefährlich, wurde
ich belehrt.
Wenn einer von uns niesen mußte, meinten sie, irgend jemand habe in der
Ferne den Namen des Niesenden ausgesprochen; weiße Flecken auf den Finger-
nägeln bedeuteten, wie in China, daß irgendwo ein Verwandter gestorben sei,
und wenn einer rote Ohren bekam, hieß es gleich, man habe zu Hause Schlechtes
über uns gesagt. Wenn ein Schaf geschlachtet worden war, wurde immer der
Milzrand betrachtet und daraus auf die Zukunft geschlossen.
Die Dam-Mongolen sind in ganz demselben Aberglauben befangen wie die
Tibeter. Sie glauben auch, durch ein Haar oder durch ein Stückchen Finger-
nagel, das man in einen die betreffende Person vorstellenden Tonklumpen
60