National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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| 0127 |
Meine Tibetreise : vol.2 |
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eisigen Westwind. Er fror so, daß er lange kein verständiges Wort herausbrachte.
Er war jedoch kein Verrückter, wie alle zuerst annahmen. Er stellte sich viel-
mehr als Lama vor aus einem Kloster bei Kue de, der, mit zwei Dienern von
Ts'aidam kommend, nach Hause strebte. Sie waren am Abend zuvor über-
fallen, die beiden Diener, die sich zur Wehr setzen wollten, totgeschlagen worden,
und der Lama hatte nur das nackte Leben retten können. Als wir ihm auf seine
Bitten ein Fell und etwas Kleider umgeworfen und am Wegrand etwas Tee
gekocht hatten, trabte er weiter auf der Straße nach Tschabtscha. Meine Mann-
schaft machte faule Witze über die tanzenden Sprünge des Tibeters. Ich aber
befahl, eiligst von der gefährlichen Verkehrsader abzubiegen, und suchte näher
am Huyu yung-Fluß, wo niedere Hügel und Dünen unsere Karawane vor
Späheraugen verbargen, vorwärtszukommen.
An diesem Abend zeigten alle meine Leute großen Eifer beim Scheiben-
schießen. Die Resultate waren freilich mehr als kläglich und viel schlechter
als das Jahr vorher. Der Chinese „Li yen nien" aus Dankar und der Moham-
medaner „Sechsunddreißig Ma" — der Mann hieß mit dem Vornamen Sechs-
unddreißig, weil er geboren wurde, als sein Vater 36 Jahre alt war — waren
zum Schießen viel zu zappelig, um je etwas zu versprechen. Unter uns acht
Mann waren überhaupt nur drei Schützen, mich selbst dabei mitgerechnet,
die zuvor schon mit Gewehren umzugehen verstanden. Herzhafte Jungen waren
„So lu ma tse" und „Hai fa tschung", beide Mohammedaner. So's Gesicht war
voll tiefer Pockennarben, weshalb ihm seine liebenswürdige Mitwelt nach
chinesischer Sitte den schmückenden Beinamen „ma tse", der Pockennarbige,
gegeben hatte. Er war der einzige, der nicht ein Wort Tibetisch konnte. Ich
hatte ihn aber mitgenommen, weil er stämmig war und im Hufeisenaufnageln
sich sehr geschickt anstellte. Hai, klein, zierlich und mit einem schönen Zopf
begabt, war der arabischen Schrift kundig und der Sohn eines Ah'un. Seine
Familie war durch die letzte Rebellion ruiniert worden. Als kleiner Junge hatte
er den Auszug der Kinder Mohammeds nach Ts'aidam, an den Lob nor und
bis Ili mitgemacht und zuletzt war er auf dieser Irrfahrt Pferdebursche in den
Zelten der H'asak gewesen. Tschang yin lu tse, ein Halbbluttibeter aus Schara
khoto, wie auch der schon aufgeführte Li und „Sechsunddreißig" machten sehr
bald hinter der Grenze kein Hehl daraus, daß sie bodenlose Angst hatten und
vor jedem herrisch um sich blickenden Fan tse zitterten. Der Dolmetscher
Tschang endlich, faul und dick, rotbackig und dabei auffallend großköpfig,
war eine gewöhnliche chinesische Mischung von Geriebenheit und Jungen-
haftigkeit. Ich hielt nie viel von ihm, zumal seine Kenntnisse der tibetischen
Sprache noch sehr bescheidenen waren, aber seine Stellung brachte es mit sich,
daß ich auf sein „Gesicht" achten mußte. Er wurde immer mit „Herr" an-
geredet und ihm ein Diener zugeteilt; er ritt meinen besten Ambler und bekam
10 Tael im Monat — so viel, wie er noch nie zuvor verdient hatte — neben
seiner freien Kost.
Mit diesen Leuten und meiner kostbaren Karawane war ich nun wieder im
Bereich der Tschebts'a fan tse. Wir bekamen von diesen aber nur in weiter
Ferne einige schwarze Zelte, schwarze Punkte, zu Gesicht. Die Winterlager
dieses Stammes liegen in den Schluchten des Süd-Kuku nor-Gebirges. An
dessen Südabhang sind sie und ihre Herden allein vor den Stürmen geschützt.
Als wir um halb acht Uhr morgens den Huyu yung tschü verließen, hatte es
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