国立情報学研究所 - ディジタル・シルクロード・プロジェクト
『東洋文庫所蔵』貴重書デジタルアーカイブ

> > > >
カラー New!IIIFカラー高解像度 白黒高解像度 PDF   日本語 English
0152 Meine Tibetreise : vol.2
私のチベット旅行 : vol.2
Meine Tibetreise : vol.2 / 152 ページ(カラー画像)

New!引用情報

doi: 10.20676/00000264
引用形式選択: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR読み取り結果

ersten Schuß den kleinen Eisblock zu zertrümmern. Die ganze wilde Schar
hob den Daumen hoch und schrie und jauchzte: „Yámo, yamo re! atsatse re!"
Der Be hu kam in mein Zelt und überreichte mir einen Schafmagen mit stein-
hart gefrorener Milch als Inhalt. Und noch einen Monat später wurde ich ob
dieses Schusses gelobt. Mittlerweile war er von Mund zu Mund weitererzählt
worden; aus den fünfzig Schritt war eine Meile und aus dem Eisstück ein
kleiner — Roßapfel geworden.

Noch ein anderes Mal hatte ich auf der Reise mit den Tschendu-Leuten
großes Glück im Schießen. Ich hatte dem Be hu versprochen, ihm, wenn er
mich gesund nach Lab gomba bringe, ein Gewehr zu schenken. Ich hatte dazu
ein altes Henry-Martini-Gewehr bestimmt, das einst in einem englischen Regi-
mente Dienste getan, dann, wie die Stempel weiter zeigten, sich in den Händen
des Volunteerkorps in Schanghai befunden hatte. Nachdem die Volunteers
moderne Repetiergewehre erhalten hatten, war es ausrangiert worden und
schließlich durch Kauf von einem Chinesen in meine Hände übergegangen.
Der Tschendu-Be hu kannte den Gewehrtyp bereits ganz genau und sprach
sehr verständig über seine Mängel. Deshalb hatte er mich des öfteren gebeten,
ihm eine modernere Waffe zu schenken. Es galt darum, den Henry-Martini
herauszureißen. Als wir wieder einmal am Waka nebeneinander saßen, wollte
er wissen, ob ein Kyang, das in weit über ½ km Entfernung graste, von meiner
Büchse erreicht würde. Es war dies natürlich eine schwere Aufgabe für die
ausgeschossene Schießröhre. Ich hielt auch umsonst eine lange Rede über
die Windwirkung auf die Kugel, um mich aus der Klemme zu ziehen. Der
Be hu ließ nicht locker. Ich mußte vom Lagerfeuer aus zwischen den grasenden
Yak hindurch auf den Kyang anlegen. Wohl um 10 m zielte ich weiter rechts
in den Wind und endlich setzte ich meinen Ruf aufs Spiel und drückte los.
Ich wagte kaum aufzusehen, rings um mich atemlose Spannung — das Tier
aber will sich nicht rühren. Die Sekunde wird mir zur Ewigkeit. Da — das
Tier bricht zusammen; es war getroffen. Ich selbst war am meisten erstaunt
über den Zufallstreffer. Die Tibeter hielten es für Zauberei. Der Be hu riß
mir das Gewehr aus der Hand und hütete es von Stund an wie einen Schatz.
Vom Visierstellen freilich hatte er nach wie vor keine Ahnung und ich fand es
nicht in meinem Interesse, ihn in die Mysterien unserer europäischen Schieß-
kunst einzuweihen. Wer weiß denn, wie er den nächsten europäischen Reisenden
empfangen wird!

Am 15. Februar lagerten wir in der Sege tschü yung, einem langen Längstal,
das sich parallel mit den anderen großen Flußläufen, dem Ma tschü, Tschiang
tschü, Tsage tschü und noch weiter südlich dem Dsa tschü und endlich dem
De tschü (Dre tschü) durch das Massengebirge der steilen Schieferplatten durch-
gefressen hat. Ein kleiner Felshügel, von einem Obo gekrönt, erhob sich neben
unserem Lagerplatz. Es heißt das Sege nadi obo, das ganz besonders
„yibtr" (rdyibtsen = verehrungswürdig) ist. Die Felsen, die etwas auffallend
groteske Formen zeigen, sind von langen Wollschnüren bedeckt und an zahl-
losen Stangen, an riesenhaften Holzpfeilen und -lanzen flatterten mehr oder
minder verblaßte Gebetwimpel. Durch unseren Besuch wurde die Zahl der
Wimpel wiederum um einige frische, bunte, farbenfreudige vermehrt. Wir
stießen hier seit acht Tagen zum ersten Male auf eine offene Quelle. Alle Tiere
stürzten sich gierig auf den Sprudel, der in der Mitte eines Eiskegels wie aus

118