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0162 Meine Tibetreise : vol.2
Meine Tibetreise : vol.2 / Page 162 (Color Image)

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doi: 10.20676/00000264
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Familien, die angeblich jüngeren Datums sind, keinen Feldbesitz im Tale ihr
eigen nennen können und für die Weide meist hohen Pacht bezahlen müssen.
Diese Hirten wohnen in schwarzen Zelten wie die der Nomadenstämme. Sie
leben ganz wie echte Nomaden, doch fühlen sie sich nie so frei wie die ngGolokh
oder die Banag-Leute und sind natürlich nie zu größeren Verbänden zusammen-
geschlossen wie die auf den zusammenhängenden Hochflächen. Die Seßhaften
im Tale, die Besitzer der Äcker, die Adligen, bleiben immer die Machthaber,
schon weil sie das Hauptnahrungsmittel, den Tsamba, besitzen und verhandeln.
Kein Wunder, daß die Bauern um jede Fußbreite des kostbaren Landes immer
aufs neue blutige Kämpfe miteinander führen!

Und kein Wunder, daß an diesen Plätzen eine Einrichtung besteht, die die
Zerstückelung des Grundbesitzes grundsätzlich verhindert und auch einem allzu
raschen Anwachsen der Familien entgegenwirkt. Es ist wohl möglich, daß die
Sitte der Polyandrie ihren Ausgang davon nahm, daß die Zahl der Männer die
der Frauen übertraf, daß sie also als ein notwendiges Übel begann, oder daß
sie eine Spur eines alten, im übrigen heute aber nicht wieder zu erkennenden
Mutterrechts darstellt. Heute ist sie jedenfalls in K'am von rein besitzttech-
nischer Bedeutung. Es ist bezeichnend, daß die Polyandrie immer sich an
einen Besitz knüpft, daß nie Männer zweier verschiedenen Familien eine Frau
zum Eheweib küren, daß vielmehr immer die Söhne einer Familie ein Mädchen
zur Stammutter für die nächste Generation wählen.

Nur in den Familien, wo Töchter, jedoch keine Söhne am Leben sind, tritt
der Fall ein, daß Männer von verschiedenen Familien die gleiche Frau besitzen,
da dann häufig nicht bloß ein, sondern gleich zwei junge Männer adoptiert
werden. Diese gelten in diesem Fall, falls sich die nachgeborenen Töchter nicht
nach auswärts verheiratet haben, auch als deren Mütter. Sie bilden zusammen
eine Familie, d. h. sie haben einen Feuerherd, für den sie sorgen, den sie weiter-
vererben. In der nächsten Generation wird man sicher wieder bloß eine Haus-
frau erblicken und der gesamte Grundbesitz wird schließlich in der Hand von
deren ältestem Sohne sein.

Die Polyandrie kommt in Osttibet in erster Linie bei den ackerbautreibenden
Stämmen vor, bei den ngGolokh ist sie sehr selten, bei den Banag-Leuten
besteht sie so gut wie nie, bei den unter chinesischen Einfluß geratenen Kin
tschuan-Tibetern und denen von Ta tsien lu ist sie unbekannt. Dort herrscht
Monogamie oder sogar Polygamie vor. Dagegen bildet sie wieder die Regel bei
den Scharba-Bauern um Sung pan ting, wie sie auch im ganzen Sangpo-Brahma-
putra-Tale und in der Provinz dBus (in Lhasa) und Tsang (Schiga tse) zu finden
ist. Als die eigentliche Heimat der Polyandrie gilt immer die große tibetische
Provinz K'am, wo ja auch die Tibeter am dichtesten sitzen.

Eheliche Treuebegriffe in unserem Sinne werden durch diese sonderbaren
Familienverhältnisse selbstredend wenig gefördert, wobei ich jedoch nicht
sagen möchte, daß sie gänzlich mangeln. Sehr oft aber haben die Brüder noch
Liebschaften für sich alle, die man auch K'am zur linken Hand nennen könnte.
Derartige Frauen haben außerhalb der eigentlichen Familienwohnung, womög-
lich an einem ganz anderen Orte, ihr Heim, und die Kinder, die aus diesen
Nebenehen entspringen, besitzen normalerweise, d. h. wenn Söhne aus der
Hauptehe da sind, kein Anrecht auf das Familienerbe. Die polyandrisch ver-
heiratete Ehefrau aber tröstet sich über die Seitensprünge ihrer Ehemänner
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