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0219 Meine Tibetreise : vol.2
Meine Tibetreise : vol.2 / Page 219 (Color Image)

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doi: 10.20676/00000264
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gewichenen Gletschern. Größere Seen sind in diesen Teilen Tibets nirgends zu
finden. Bald erbreitert sich das Yü lung-Tal bis auf einige Kilometer. Linker
Hand hatten wir Weideland. In Seitenschluchten sahen wir manchmal kleine
Zeltdörfer. Rechter Hand begannen Hochwald, Fichten und Tannen von großer
Schönheit, die bis 4100 m emporsteigen, aber sich immer nur auf den nach
Norden abdachenden Berglehnen halten und auch die Talsohle frei lassen.

Wir begegneten auf den nächsten Märschen täglich 400 bis 500 Yak mit Tee,
am 9. April sogar 900 Yak. Die Karawanen brechen stets sehr früh am Morgen
auf und rasten bereits von zehn Uhr oder gar von neun Uhr morgens. Ein Tee-
ballen braucht auf diese Weise, um von Ta tsien lu nach Lhasa zu gelangen, fünf
Monate und passiert Tausende von Furten.

Am 7. April lagerten wir neben Yang tse gomba (Säge gomba), einem kleinen
Kloster des Nima-Glaubens mit achtzig Mönchen; ganz in seiner Nähe ist noch
ein zweites Kloster dieser Sekte, das apart zwischen hohe Fichten und Kalk-
felsen hineingestellt ist. Einer der Gelong bewirtete mich in seiner Klause mit
Buttertee.

Am 8. April lagerten wir neben einer Anhöhe, auf der ein Waldbrand seit
vielen Tagen wütete und schon große Verheerungen angerichtet hatte. Es war
der größte, den ich in Tibet sah. Mehrere Quadratkilometer des schönsten
Urwalds waren dem Element zum Opfer gefallen und völlig vernichtet worden.
Spuren von Waldbränden sind eine alltägliche Erscheinung. Niemand achtet
auf seine Feuer. Die meisten Waldbrände entstehen in den trockenen Wintern
durch die Gleichgültigkeit der Reisenden oder durch die eingeborenen Hirten.
Sie werden so gut wie nie bekämpft. Man läßt sie langsam ausbrennen.

Am 9. April verließen wir mittags das Yülung tschü-Tal (Tafel XXXI).
Nahezu 50 km zieht es ganz gerade gestreckt nach Südosten und hat auf
dieser Strecke eine breite, stattliche Sohle mit Viehweiden. Jetzt zeigte es sich
mit einem Male tiefer eingeschnitten und begann sich nach Norden und Nord-
osten zu winden, während die Straße in der alten Richtung immer weiter der
südöstlichen Furche folgt. Der Fluß war zuletzt zwanzig Schritt breit und 1 m
tief. Er lag nur noch 3575 m hoch.

Das nächste Lager stand in einer wahren Parklandschaft (Tafel XXXV)
in 3800 m mit überaus ansprechender Aussicht auf die schneereiche Bergkette
im Süden. Die Alpenblumen lagen nur leider noch im Winterschlaf. Die vielen
Samenkapseln und Reste vom Riesenedelweiß, von hundert Primelaarten, von
Orchideen, von Rhododendren, Enzianen erzählten aber, wie prächtig und bunt
es hier im Juni und Juli aussieht.

Am 10. April überschritten wir bei schönstem Sonnenschein einen neuen
4100 m hohen Paß, von dem aus plötzlich und völlig überraschend der wunder-
bare Blick auf die Berge von Rungwatsun und Amne Rala sich öffnete. Der
Neuschnee war bis hoch hinauf der Sonne der letzten Tage erlegen. Klar und
scharf stachen die dunklen Grate vom Urgestein vom schimmernden Blau des
Himmels ab. An den steilen Gipfelhalden glänzte Firnschnee, und blaugrüne
Eisschründe, Gletscherabbrüche und Seracs, Lawinenrillen und Schneewächten
winkten und lockten mein alpines Herz zu sich hinauf (Tafel XXXVI). Doch ich
mußte unten in der Fastebene der Moräne in 4000 m Höhe bleiben und die
Karawane hüten. Wir schlugen Lager zwischen den ungeheuren Moränenmassen,
die sich im Norden der hohen Kette viele Kilometer breit ausdehnen und die die

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