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0141 Southern Tibet : vol.8
Southern Tibet : vol.8 / Page 141 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000263
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Eine vermittelnde Stellung zwischen Legge und Richthofen nimmt E. Chavannes ein,
wie es uns sein klassischer Kommentar zu Ssŭ-ma Ch'ien's »Denkwürdigkeiten« zeigt.¹ Er
gliedert das Yü-kung in zwei Teile, von denen der erste aber nur die Beschreibung der
Provinzen, der zweite die Beschreibung der Berge, Flüsse und dazu auch des erwähnten
Idealstaates enthalten soll; in beiden Teilen unterscheidet er geographische und legendäre
Züge. Ohne auf ihre Ursachen näher einzugehen, schließt er sich im großen und ganzen
Richthofens Identifikationen an, jedoch wendet er sich mit Recht gegen dessen Hypothese,
im Yü-kung seien die Spuren einer früheren Einwanderung der Chinesen aus Ostturkistan
wiederzuerkennen.²

Dies ist offenbar eine schwache Seite in Richthofens Beweisführung. Sie liegt zum
Teil darin begründet, daß er an dieser Stelle nicht nach Selbstgesehenem urteilen konnte,
sondern sich die althergebrachte Ansicht ganz zu eigen machte, daß sich das älteste China
im Westen bis nach Ostturkistan und Tibet ausgedehnt habe. So nimmt auch er an, daß
sich die Westprovinz Yung vom Wei-Tal wie ein schmaler Keil über den Huang-ho bei
Lan-chou bis nach Tun-huang am Rande der Gobi erstreckt habe und in entsprechender
Weise ihre südliche Nachbarprovinz Liang vom oberen Tale des Han über das Becken von
Se'tchwan hinaus bis nahe an die tibetische Grenze.³ Aber ein solcher Grenzverlauf, wie
ihn die chinesische Tradition uns übermittelt hat, ist sowohl geographisch wie auch historisch
höchst anfechtbar; wenn auch Richthofen und später A. v. Rosthorn in einer eindringenden
Untersuchung⁴ besonders im Südwesten die Grenze etwas enger gezogen haben, so sind
damit die inneren Widersprüche doch nicht beseitigt. Das scheint vor allem Conrady¹
erkannt zu haben, ohne jedoch das Mißverhältnis näher auf den Grund zu gehen. Viel-
mehr übernimmt auch er die traditionelle Darstellung, jedoch mit dem Unterschied, daß
nach seiner Annahme im Westen nicht Verwaltungsprovinzen, sondern eher Handels- und
Verkehrsprovinzen beschrieben sind, also nicht Bezeichnungen der chinesischen Macht,
sondern der Einflußsphäre; und das Ganze sei somit eine Wiedergabe des altchinesischen
Weltbildes, eine älteste Weltbeschreibung. Aber diese an sich geistvollen Gedanken
bringen keine Klärung, sondern neue Schwierigkeiten; sie stehen schon damit im Wider-
spruch, daß es sich im Yü-kung wirklich um Verwaltungsprovinzen handeln muß, weil jede
einzelne Provinz nach ihrem Ernteertrag und der Höhe ihrer Besteuerung in eine bestimmte
Klasse gesetzt ist.

c) Die beiden Hauptprobleme. So ist denn die Westgrenze des im Yü-kung
beschriebenen Reiches bisher ein Rätsel geblieben; dieser Umstand wiegt für uns umso
schwerer, weil damit die entscheidende Frage zusammenhängt, ob sich hier bereits die
Anfänge chinesischer Kenntnis von Zentralasien kundgeben oder nicht. Die gesamte ein-
heimische Kartographie von der Han-Dynastie an hat diese Frage rückhaltlos
bejaht. Ohne Zögern ist ihr dann unsere europäische Wissenschaft gefolgt, vor allem in
der Übernahme des Wortes K'un-lun (Kwenlun), um damit die tibetische Zentralkette zu
bezeichnen. Aber auch in der Ansetzung anderer Angaben ist sie ganz von der chinesischen
Tradition abhängig geblieben; so überträgt man den uralten Namen »Fließender Sand«