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| 0210 |
Southern Tibet : vol.8 |
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OCR Text
4. HSI-WANG-MU IN DER GESCHICHTE, SAGE UND KARTOGRAPHIE.
a) Überlieferung und Stand der Forschung. In der chinesischen Geschichte
und Sage nimmt wohl kaum eine Persönlichkeit eine so rätselhafte Stellung ein wie
Hsi-wang-mu 西王母, die sogenannte »Königin-Mutter des Westens«. Zum ersten Male
wird sie für die patriarchalische Vorzeit erwähnt; sie soll dem Kaiser Shun durch eine
Gesandtschaft ihre Huldigung dargebracht haben. Dann empfing sie über tausend Jahre
später den vierten Chou-König Mu als Gast und erwiderte im gleichen Jahre seinen Besuch.
Beide Begebenheiten werden uns in den Bambus-Annalen erzählt.¹
Als man am Ende der Chou-Dynastie dazu überging, sich die unbekannten Gegenden
des Westens in phantastischer Weise auszumalen, gab man Hsi-wang-mu als Wohnsitz
den Nephritberg 玉山 oder das K'un-lun-Gebirge. Dann selbst zeichnete man
als einen Menschen in wunderlicher Barbarentracht. So lesen wir im Shan-hai-ching
(Buch II S. 9):
Derselbe hat einen Pantherschweif und Tigerzähne, pfeift gut, hat wirres Haar und trägt
einen Schopf.
Oder anderswo heißt es:
Hsi-wang-mu lehnt sich an eine Stützbank und trägt einen Schopf und einen Stab. Südlich
davon gibt es drei dunkle Vögel, die Hsi-wang-mu das Essen bringen.²
Während uns hier das Bild eines Barbaren in seltsamem Aufputz entgegentritt, lernen
wir im Mu-t'ien-tzu-chuan, einem dem reiselustigen König Mu gewidmeten Roman, Hsi-
wang-mu als Frau kennen. Sie wird dort fast als überirdisches Wesen gefeiert. »Ich bin
eine Kaisertochter« — so singt sie in einem elegischen Liede vor ihrem Gast; ihr gesegnetes
Reich lag weit im Westen hinter Bergen und Tälern und jenseits des »Fließenden Sandes«.
Fast in demselben verklärenden Licht erscheint sie uns in einem Gedicht von Kuo P'o
(276—324 nach Chr.), sowie in einer philosophischen Betrachtung, die dem Taoisten
Lieh-tzŭ (um 350 vor Chr.) zugeschrieben wird. Spätere Taoisten erhoben sie direkt zu
einer Göttin, die auf dem K'un-lun-Gebirge throne und von guten Geistern umgeben sei.
Mit der Zeit verband man mit solchen Vorstellungen indische Legenden und stellte der
Königin-Mutter des Westens den königlichen Herrn des Ostens (Tung-wang-kung 東王公)
gegenüber. Das Zeitalter der Sung (10. Jahrhundert) verhüllte die Gestalt der westlichen
Herrscherin gänzlich in einen mystischen Schleier und verehrte sie als die höchste Schöpfung
in der Entwickelung des Menschengeschlechts.³
Wer ist aber in Wirklichkeit Hsi-wang-mu gewesen? Chinesische Gelehrte der
Mandschu-Zeit glauben, der Name beziehe sich ursprünglich auf eine Gegend oder einen
alten Herrscher im fernen Westen. Ihnen schließen sich europäische Gelehrte wie Legge⁴,
Chavannes⁵ und Hirth⁶ an; dagegen wollen andere wie Forke, Conrady und Erkes in Hsi-
wang-mu eine Frau erblicken.⁷
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