National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0145 Die Geographische-Wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien, 1894-1897 : vol.1
Die Geographische-Wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien, 1894-1897 : vol.1 / Page 145 (Grayscale High Resolution Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000262
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

sichtbar war. Die Mündung des Jarkent-darja befand sich in dieser entfernten Zeit 4 Werst
westlich von der jetzigen, gerade gegenüber der Stelle, wo jetzt die Niederlassung Ab-
dal liegt."

Diese Mitteilung ist hochinteressant. Leider wissen wir nicht, wie es sich mit dem
Schilf in der nordöstlichen Hälfte des Sees verhielt. Da es aber in der südwestlichen Hälfte
nur am Ufer und zwar in einem schmalen Saum vorkam, mußte der See eine so neue
Bildung sein, dafs das Schilf sich noch nicht in beträchtlichem Maße hatte verbreiten
können, denn gewiß war nicht überall die Tiefe des Wassers dem Aufkeimen des Schilffes
hinderlich. Wenn, wie ich oben gezeigt habe, der Kara-koschun vor etwa 170 Jahren ge-
bildet worden ist, und die Wassermassen des Tarim hier mit einem Male den ebenen Wüsten-
boden überschwemmt haben, ist nichts wahrscheinlicher, als dafs der Kamisch eine geraume
Zeit brauchte, um den in dieser unvermuteten Weise berieselten Boden in Besitz zu nehmen.
Nach der citierten Mitteilung finden wir, dafs der Reichtum des Sees an Kamisch sich erst
im 19. Jahrhundert hier entwickelt hat und dafs die Verhältnisse in dieser Beziehung im
18. Jahrhundert ganz andere waren.

„Die Tiefe des Sees war damals unvergleichlich größer als die jetzige, und an seinen
Ufern standen viele Niederlassungen, von welchen jetzt kaum die Spuren bemerkbar sind.
Wegen dieses schrittweisen Rückzuges des Sees und seines Überwachsens mit Kamisch wurden
die Bewohner dieser Niederlassungen gezwungen, sie zu verlassen und sich am unteren
Tjertjen-darja niederzulassen." Der Reichtum an Fischen soll damals viel größer gewesen
sein, und selbst Fischottern kamen im See vor, die längst verschwunden sind.

Jetzt folgt aber das Merkwürdigste von allem (S. 305): „Der Fluß Jarkent-darja
strömte, nach der Tradition, vor 200 Jahren nördlich von seinem jetzigen unteren Laufe und
entleerte sich in einen kleinen See, Utschu-kul, der mit dem Lob-nor durch einen Sund in Ver-
bindung stand. Diese Überlieferung bestätigt der alte Abdul Kerim nach den Erzählungen
seines Großvaters, während dessen Lebenszeit der Flufs noch in der erwähnten Richtung
strömte, um erst später sein Bett zu verändern. Das alte Bett des Jarkent-darja, welches
heutzutage Schirga-tjapkan genannt wird, ist noch in der gegenwärtigen Zeit deutlich zu
unterscheiden. In ihm sind noch hier und da Stümpfe von Bäumen aufbewahrt, welche
einst die Ufer des Flusses beschattet haben. Früher kamen diese Baumstümpfe in großer
Zahl vor, aber die Bewohner der benachbarten Niederlassungen verbrauchten sie allmählich
zu Brennholz, und jetzt werden sie schon selten angetroffen."

Mit dieser Tradition möge die Mitteilung, die ich von Kuntjekkan Bek erhielt, ver-
glichen werden. Auf Pjewzows Karte liegt der Schirge-tjappgan (wie der Name geschrieben
werden sollte) — in der Nähe der jetzigen Niederlassung desselben Namens — 22 Werst
nördlich vom jetzigen unteren Teil des Flusses. Ob es richtig ist, wie dieselbe Karte
angibt, dafs dieser alte Schirge-tjappgan, d. h. der frühere Lauf des Flusses, sich in den
jetzigen See Kara-koschun ergossen hat, ist nicht bewiesen. Schon die Mitteilung, die mir
Kuntjekkan Bek machte, spricht für das Gegenteil: der Schirge-tjappgan hat sich in einen
anderen See ergossen, oder, mit anderen Worten, der Kara-koschun hatte damals eine
etwas nördlichere Lage.

Da nun vor 200 Jahren der Fluß 22 Werst nördlicher sich in einem rechten Winkel
nach Osten gedreht hat, um parallel mit seinem gegenwärtigen Laufe zum See zu fließen,
so mufs irgend eine Ursache vorhanden gewesen sein, welche den Flufs gezwungen hat,
seinen meridionalen Lauf noch um 22 Werst zu verlängern und sich dem Gebirgsfuße so
beträchtlich zu nähern. Diese Ursache kann nicht nur auf der Transport- und Erosions-
kraft des Wassers und der Transportkraft des Windes basiert sein, denn das Phänomen ist
nicht nur auf das Gebiet des Schirge-tjappgan-Bettes beschränkt. Gehen wir weiter nach
Westen, so finden wir, wie ich weiter unten näher beschreiben werde, dafs der ganze untere
Lauf des Tjertjen-darja sich etwa 18 Werst (in der Nähe der Mündung) von N nach S