National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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Die Geographische-Wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien, 1894-1897 : vol.1 |
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Früher soll, wie mir die Einwohner versicherten, das wilde Kamel im Gebirge südlich
von Vasch-schahri vorgekommen sein, ist aber jetzt verschwunden. Die Bewohner leben
von der Ernte und jagen auch Hirsche und Antilopen, die im Walde ziemlich zahlreich
sind. Viehzucht wird nur in geringem Grad betrieben. Sie haben eine Anzahl Kühe und
Schafe; für Schafzucht soll sich aber die Gegend nicht eignen.
Die windige Zeit war aber jetzt eingetreten und dauert den ganzen Sommer über; während
der kalten Jahreszeit ist die Atmosphäre immer ruhig. Jetzt im Frühling kann man fast
alle drei Tage auf kräftigen Wind oder Burau rechnen. Die Stürme sind immer östlich
und bringen Staubnebel mit sich. Eben jetzt in der Nacht zum 1. Mai war die Temperatur
unter 0° C. gesunken; solche Frostnächte sind in dieser Jahreszeit sehr gefürchtet. Ich
hatte seit einem Monat keine Kältegrade aufgezeichnet.
Als freiwilliger Gründer des jetzigen Vasch-schahri ist der alte Kipek vom Amban von
Tjarkhlik zum Chef des Ortes ernannt worden mit den Titeln „schang-ja" („bek") und
„karaultji" (Wächter). Er begibt sich von Zeit zu Zeit nach Tjarkhlik, um über die Ernte
und administrativen Verhältnisse Bericht zu erstatten. In Khotan, Kerija, Tjertjen und an
Ort und Stelle wird das Dorf Vasch-schahri genannt; in Tjarkhlik nennt man es aber
Gadji-, Gas- oder Gah-schahji (= schahri = Stadt). Dafs in alten Zeiten die Gegend be-
wohnt war, beweist das in der Nähe gelegene Ruinenfeld, wo man jedoch nur selten einige
Altertümer findet; ich erhielt nur eine kupferne Kanne und einige chinesische Kupfer-
münzen.
Der erste Tagemarsch von Vasch-schahri führte zuerst durch ziemlich dichten Pappel-
wald, der jetzt in seinem üppigsten Frühlingsgrün prangte. Der Bach bildete eben hier
eine Art Delta; wir kreuzten nämlich noch zwei Arme davon. Dann hört der Wald in
dieser Richtung auf und wird von den gewöhnlichen Tamariskenkegeln gefolgt. Ferner haben
wir noch ein „sil"-Bett, ein ganzes System von seichten, breiten Furchen, zwischen welchen
niedrige Thonkämme sich erheben, und wo nur zwei kleine Rinnsale strömen; man sieht
jedoch deutlich, dafs nach starken Regenflüssen hier gewaltige Wassermassen hinunterfließen
können. Schon jetzt treten links oder südlich vom Wege niedrige, isolierte Dünenindividuen
auf; der Sand scheint sich weit nach S zu erstrecken. Rechts haben wir noch trockene,
armselige Kegel mit Vegetation; der Weg führt sonst auf ebenem, hartem Sandboden hin. In
der Nähe eines undeutlichen, alten Flußbettes kreuzen wir das Ruinenfeld von Vasch-
schahri, wo man nur die Spuren von Aprikosengärten und fragmentarische Wandbalken und
Fundamente von drei Häusern sieht. Mehrere solcher Ruinen sollen jedoch in verschiedenen
Richtungen zwischen den Tamariskenkegeln liegen. Dann folgt ein eigentümliches Gewirr
von hohen Tamariskenkegeln, deren Form jedoch hier mehr kuppelförmig war; sie sahen
aus, als ob sie vom Wind und Treibsand gerade an der Basis angefressen und erodiert
wären. An den Seiten hängen die Wurzeln der auf den Kegeln thronenden Pflanzen frei
heraus. Zwischen ihnen liegen kleine Dünen von grobem Sand. Dann passieren wir einige
Pappeln und endlich den letzten Ausläufer des Waldes — Jakka-tograk, eine einsame
Pappel, mit Pfählen und Stacket eingehegt. Hier läuft die Grenze zwischen den Gebieten
von Tjertjen und Tjarkhlik.
Dafs dieser Weg wenig Bedeutung hat, sieht man schon daraus, dafs man so gut wie
keinem Reisenden begegnet; am Jakka-tograk trafen wir die ersten seit Tjarkhlik. Es
waren zwei Männer, die mit vier Pferden aus Kerija kamen, welche Stadt sie vor achtzehn
Tagen verlassen hatten, wovon vier Ruhetage waren. Sie hatten den „astun-jolli" oder
unteren Weg zwischen Nija und Tjertjen gewählt und teilten mir mit, dafs das Wasser in
den dort befindlichen Brunnen schon jetzt ein wenig salzig geworden sei, jedoch nicht mehr,
als dafs es mit Thee getrunken werden könnte. Von Mücken und Mosquitos hatten sie
erst östlich von Tjertjen gelitten.
Der Pfad windet sich unmittelbar am Fuße der hohen, sterilen Sanddünen, die sich
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