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0238 Die Geographische-Wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien, 1894-1897 : vol.1
Die Geographische-Wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien, 1894-1897 : vol.1 / Page 238 (Grayscale High Resolution Image)

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doi: 10.20676/00000262
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Juni so unbedeutend sein kann. So fand ich bei Sil, in der Nähe der Aksu-darja-Mündung,
nur 7,5 cbm! Wahrscheinlich wurde aber diese Stelle schon Mitte Juni unpassierbar, und
dann, Ende Juni, wächst — wie Pjewzow gefunden hat — die Wassermenge auf das
Hundertfache des erwähnten Betrages.

Dieser kolossale und in einer oder ein paar Wochen vor sich gehende Zuwachs des
Flusses beruht auf folgendem. Wenn der Fluß Anfang Juni anfängt schnell zu schwellen,
wird der Druck auf den Damm endlich unwiderstehlich; derselbe wird durch die ge-
waltige Wassermenge gesprengt und verschwindet jedes Jahr spurlos, nachdem er 2, nur
selten 2½ Monate seine Dienste gethan und seinen Zweck erfüllt hat. Wenn aber einige
Tage später das eigentliche Hochwasser kommt, wird jedenfalls das Niveau des Flusses so
hoch, dafs Wasser in den Bifurkationsarm ohne irgend welche künstliche Nachhilfe hinein-
strömt, — ja, in der Hochwasserperiode schwillt der Arm c so beträchtlich an, dafs er
jedes Jahr geschlossen werden mufs, und die Einwohner müssen an seinem Ausflufs aus dem
Jarkent-darja aufpassen, dafs nicht zu viel Wasser hineinströmt. Auf diese Weise ist die
Gegend von Maral-baschi jeden Sommer von verhängnisvollen Überschwemmungen bedroht.
Die alljährlichen Arbeiten bei a sind also so wichtig, dafs, wenn der Damm nicht aufgeführt
würde, die ganze Ernte von Maral-baschi verloren würde, und wenn der Zuflufs nicht
beschränkt würde, so ginge die Ernte wegen zu viel Wassers verloren. Es ist dies eins
der grofsartigsten Beispiele von Bewässerung, die ich in Zentralasien gesehen habe.

Vom rechten Ufer des Flusses gehen etwas oberhalb des Punktes a zwei kleinere
Flufsarme aus, die natürlich bei der Arbeit aufser Acht gelassen werden. Wie ich weiter
unten erwähnen werde, fanden wir später mehrere kleine Flufsarme am rechten Ufer
des Jarkent-darja. Sie stellen neue Bestrebungen der Wassermasse, sich noch weiter
nach O zu verschieben, dar.

Bei a soll der Flufs fast doppelt so breit wie bei Lajlik (s. unten) sein; die Tiefe ist
deshalb unbedeutend und die Stromschnelligkeit gering, was alles die Arbeit fördert. Im
April soll das Wasser den Arbeitern nur bis zu den Weichen reichen, so dafs sie un-
gehindert im Flufsbett arbeiten können. Die aus Pappelstämmen gemachten Pfähle sind
5 m hoch und werden mit Keulen in das Flufsbett hineingetrieben; sie stehen recht dicht
nebeneinander (10 oder 20 cm). Fast jedes Jahr gehen Menschenleben bei dieser Arbeit
verloren. Man erzählte mir, dafs in alten Zeiten die barbarische Sitte geherrscht habe, beim
Füllen des Dammes auch einen Mann hineinzuwerfen. Dieses Opfer sollte die Ernte be-
sonders günstig gestalten und Segen für die ganze berieselte Gegend herbeiführen.

Die chinesischen Behörden überwachen das Unternehmen. Die Arbeit beginnt etwa
am 1. April und dauert 40 Tage. Jeder Arbeiter bekommt im Tagelohn ein wenig mehr
als einen kaschgarischen tenge, von welchen im Durchschnitt 10 auf 1 Rubel gehen.
Sie lagern unter freiem Himmel um große Feuer. Jarkent liefert 500, Merket 190, Jan-
taklik 180, Terem-Mogal 180, Maral-baschi 180 und Sugett (auf dem Wege nach Ak-su
gelegen) 180 Arbeiter; 1410 Mann werden also jedes Jahr aus der Umgebung für diese
Arbeit in Anspruch genommen. Die Beks der betreffenden Ortschaften haben nachzusehen,
dafs die volle Zahl aufgeboten wird, und an Ort und Stelle hat ebenfalls ein Bek die Auf-
sicht. Jede Ortschaft, mit Ausnahme von Jarkent, hat 3 „arabas" zu stellen für den
Transport des Baumaterials und ist zur Verproviantierung der Arbeiter verpflichtet.

Der Bifurkationsarm, für den ich keinen besonderen Namen hörte, ist nach Aussage
der Eingeborenen, und wie ich auch selbst an dem Punkt, wo ich ihn kreuzte, sehen
konnte, vollkommen natürlich; jedoch mufs man nachsehen, dafs er sich nicht kleine Unregel-
mäfsigkeiten erlaubt, und deshalb müssen hin und wieder kleine Dämme an den Ufern
aufgeführt werden. Er wird gewöhnlich „jar" genannt, nicht wie die künstlichen Kanäle
„arik". Man behauptete, dafs in alten Zeiten die ganze Wassermasse durch dieses Bett
strömte, wobei der Nebenflufs Kaschgar-darja sich schon in der Nähe des jetzigen Maral-