National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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| 0071 |
Auf Hellas Spuren in Ostturkistan : vol.1 |
| Buried Treasures of Chinese Turkestan : vol.1 |
Citation Information
OCR Text
Die manichäischen Schriften finden sich auf Papier, Pergament,
weichem Handschuhleder und Seide. Reste schöner, an ägyptische
Arbeiten dieser Art erinnernde Bucheinbände wurden gefunden —
sie sind aus gepunztem gepreßten Leder, zuweilen in durchbroche-
ner Arbeit und waren manchmal mit Gold verziert. Sehr prächtig
muß ein Buchdeckel aus dünngeschliffenem Schildpatt gewesen sein,
der mit Goldblatt unterlegt war und von dem wir ein Bruchstück
fanden. Ob dies Bruchstück zu einem westlichen oder zu einem
chinesischen Buch gehört hat, wissen wir nicht.
Die manichäischen Handschriften zeichnen sich aus durch jene
meisterhafte Kalligraphie, jene Liebe zu künstlerischer Ausstat-
tung aller Dinge, die dem ersten Kulturvolk Asiens, den Iraniern,
nun einmal eigen ist. Man bediente sich der manichäischen Schrift,
einer klaren, deutlichen und sehr schönen Form der syrischen
Schrift, oder auch der markigen Charaktere des soghdischen Alpha-
bets, einer Schrift, die mit einigen Abwandelungen von den Uighu-
ren, den Mongolen, den Westmongolen oder Kalmücken und den
Mandschu übernommen worden ist. Diese Schrift stammt von einer
noch nicht ermittelten semitischen Schriftart ab.
Die Inder in Turkistan benutzten hauptsächlich die nationale
Form des Buches, das Pothi, die Rolle und das Faltbuch, außer-
dem auch Holztabletten. Das Papier überzogen sie zuweilen mit
einer Paste (Weizenmehl und Kalk?)
Die manichäischen Türken bedienten sich zuweilen auch der
merkwürdigen türkischen „Runen"-Schrift, so genannt wegen einer
gewissen äußeren Ähnlichkeit mit den Runen der germanischen
Völker. Diese türkische Schriftart zeugt von hoher Einsicht in die
Phonetik der türkischen Sprache und kann nur von wissenschaft-
lich denkenden Leuten erfunden worden sein. Ein schöner Beweis
für die vorgeschrittene Kultur der alten Türken!
Die Entzifferung dieser sehr eigentümlichen und sehr schwie-
rigen Schrift, die bisher nur von den Steinmonumenten von Or-
chon bekannt war, ist dem großen dänischen Philologen, Professor
Vilhelm Thomsen, Exzellenz, Kopenhagen, schon vor langer Zeit
gelungen.
Als ich später Handschriften in dieser Schriftart fand, legte ich
das beste Buchblatt sogleich beiseite, um es dem genialen Ent-
zifferer bei meiner Rückkehr nach Berlin als kleine Huldigung zur
Bearbeitung anzubieten.
Grünwedel hatte mich beauftragt, ganz besonders drei Ruinen-
gruppen zu untersuchen. Wir vollzogen diesen Auftrag, leider ohne
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