National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0056 Die Chinesischen Handschriften- und sonstigen Kleinfunde Sven Hedins in Lou-lan : vol.1
Die Chinesischen Handschriften- und sonstigen Kleinfunde Sven Hedins in Lou-lan : vol.1 / Page 56 (Grayscale High Resolution Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000227
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

der uns anteilheischend hier entgegenpocht. Er wandelt uns das Epos in ein Drama,
die abstrakte Vorstellung zum persönlichen Erlebnis um; die starren Umrisse füllen
sich mit pulsierendem Leben und schwellen zu atmenden Gestalten von Fleisch und
Bein, zu leibhaftigen Menschen aus, für die wir Partei ergreifen, mit denen wir fühlen
und vor allem, die wir bewundern müssen. Denn das ist doch wohl die Haupt-
empfindung, die sie erwecken: ein ehrlicher Respekt vor ihrer unerschütterlichen
Standhaftigkeit und Pflichttreue, ihrer geradezu römischen Tugend, wie man es wohl
bezeichnen darf. Und angesichts eines solchen Beamtenmaterials, so gleichsam Aug
in Auge mit den Menschen, welche das Riesenwerk der Zähmung und Sittigung
des Nomadentums, wenn nicht selber schon vollbracht, so doch grundlegend vor-
bereitet haben, begreift man dann erst völlig, wie diese Herkulesarbeit überhaupt
vollbracht werden konnte, begreift man das Geheimnis der fast beispiellosen Kultur-
erfolge Chinas, das sich so halb Asien unterworfen hat, überhaupt. Nicht zuletzt
aber lernt man sozusagen am lebenden Beispiel auch ihr vielverrufenes li als eine
eminent sittliche Potenz verstehen und achten. Denn mag das standhafte Beharren,
ungleich dem römischen, immerhin wohl in dem Stoizismus oder Fatalismus, der
typischen Gleichgültigkeit des chinesischen Charakters wurzeln — jenem heiteren,
überall rasch und zufrieden eingelebten Gleichmut, den schon nicht wenige Lieder
des Shî-king mit ihrer friedlichen Ruhe in ewig drangvoller Zeit so packend illustrieren,
und der bei einem Volke von Diesseitern, das nichts vom Jenseits erwartet, auch an
sich schon imponieren muß —: in diese Bahnen gelenkt und darin erhalten, zum
kategorischen Imperativ der todesmutigen Pflichterfüllung herangebildet hat ihn doch
einzig das li, das sich dann sogar noch in seiner verflachtesten und völlig veräußer-
lichten Form: als Dekorum, als die Macht des Scheins, gerade in diesen Briefen als
ein starkes Mittel der Selbstzucht zu erkennen gibt. Daß aber all diese Züge er-
halten und klar erkennbar sind, die das ganze Bild so lebensvoll und anmutend
freundlich machen, das haben wir nicht zuletzt der besonderen Art und Fassung
der Manuskripte, ihrem Ichcharakter, wenn ich so sagen soll, zu danken; denn es
verleiht ihnen eine unvergleichliche Plastik und zugleich einen ganz eigenen Zauber
und Reiz: den anheimelnden (man sagt wohl jetzt „intimen") Reiz der Autobio-
graphie, des Memoirenwerkes. Und gleich einem solchen geben denn auch sie
nicht ein großes historisches Gemälde, sondern was sie zeigen ist ein Idyll, ein
Genrebild — aber auf dem mächtigen, gewitterschwarzen Hintergrund der Welt-
geschichte.