National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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Die Chinesischen Handschriften- und sonstigen Kleinfunde Sven Hedins in Lou-lan : vol.1 |
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Nicht fühllose Verwaltungsmaschinen sind es, die einfach mit der Regelmäßigkeit
eines Uhrwerkes ihren Dienst abschnurren — auch sie haben ein Herz, dem nichts
Menschliches fremd ist. Nur über ihr eigenes Schicksal verlieren sie kein unnütz
Wort, stellen sie keine bitteren Betrachtungen an, aber treulich und liebevoll ge-
denken sie aller, die ihnen nahestehen, und sorgen gewissenhaft für ihr Wohl; in
herzlicher, unwandelbarer Neigung hängen sie an dem Freund, sie sehnen sich, ihn
wiederzusehen und bangen um sein Befinden (I, 4 u. ö.); gehorsam tut der Sohn
seine Pflicht an der betagten gebrechlichen Mutter (I, 28, 11, 13), die er zurück-
gelassen, und kommt dem fernen Bruder die Nachricht zu, daß die Geschwister da-
heim in Not geraten sind und darben müssen, weil er, der Ernährer, fern ist, so
bebt ihm wohl die Hand auf dem Papier, worin er das „hochherzige Wohlwollen
und Mitleid" eines Gönners für sie anruft (I, 3) — gerade in den gehaltenen Worten
zittert die tiefe Bewegung. Und endlich, wer die zärtliche Elternliebe des Chinesen
kennen gelernt hat, der wird mit noch innigerem Anteil die beiden armen Papier-
schnitzelchen betrachten, auf die einst ungeschickte Fingerlein ihr kleines Rechen-
exempel: 2mal 8 ist 16, 9mal 9 ist 81 hingemalt (I, 22, 15, 16). Das ist der letzte und
der rührendste Zug in dem Bilde, das damit erst seine ganze Tiefe, seine ganze
herzbewegende Eindringlichkeit gewinnt: auch zarte Kinderfüßchen sind hier in der
wilden Fremde, am Rande der fürchterlichen Wildnis vertrauensvoll umhergetrippelt,
unschuldige Kinderhändchen haben sich dem Vater entgegengestreckt, wenn er
sorgenvoll nach Hause kam — wie mancher schwere Gedanke, schwerer noch, weil
ungesprochen, mag ihm bei ihrem Anblick das mannhafte Herz zusammengezogen
haben! —
Und gerade das allgemein Menschliche ist es dann im letzten Grunde, was
die ausgegrabenen Dokumente so besonders anziehend und wertvoll macht. Zwar
rollt sich ja auch so schon ein reichbewegtes, figurenstrotzendes Stück chinesischen
Lebens in diesen trümmerhaften Überbleibseln aus der Trümmerstadt, diesen mageren
Aktenresten und ärmlichen Brieffragmenten vor uns auf, und wahrlich interessant
genug ist es, was sie mitzuteilen haben. Wir blicken tief hinein in den kunstvollen
Mechanismus der Riesenverwaltung, da er in vollem Betriebe ist, und sehen die
Transmissionen gehen und winzigste Räderchen ineinandergreifen; das bunte Gewimmel
eines weltumspannenden Verkehrs und seine schillernde Mischkultur, wie das geschäf-
tige Treiben des Alltags mit seinen Leiden und Freuden zieht kaleidoskopisch dem
Auge vorüber; staunend gewahren wir, wie fest sich das Chinesentum hier in starren-
der Öde eingenistet und verklammert, wie stark und eng es die Maschen des Netzes
geflochten hat, mit denen es diese kulturvermittelnde Unkultur überspannt hält, und
wir hören auch das dumpfe Grollen des Wettersturmes, der alles das wie luftiges
Spinnweb hinwegfegen soll. Aber so recht lebenswahr und lebenswarm, so ganz
unmittelbar und innerlich berührend, ja eigentlich so recht verständlich wird das
Ganze doch erst durch diese rein menschlichen Züge, durch den leisen Herzschlag,
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