National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books

> > > >
Color New!IIIF Color HighRes Gray HighRes PDF   Japanese English
0171 Auf Hellas Spuren in Ostturkistan : vol.1
Buried Treasures of Chinese Turkestan : vol.1
Auf Hellas Spuren in Ostturkistan : vol.1 / Page 171 (Grayscale High Resolution Image)

New!Citation Information

doi: 10.20676/00000198
Citation Format: Chicago | APA | Harvard | IEEE

OCR Text

Mein Blick richtete sich auf den Strom, der wild aufkochte und
mächtige Wogen schlug. Im obersten Quertal des gegenüberliegenden Ufers erhob sich dann plötzlich eine ungeheure Staubwolke,
die in einer mächtigen Säule zum Himmel aufstrebte. Im selben
Augenblick wankte der Boden und ein donnerähnliches Rollen ließ
sich von neuem vernehmen. Da wußten wir, es war ein Erdbeben
und wir sahen dann, wie auf dem entgegengesetzten Ufer der Stoß
sich fortpflanzte. Nach Sekunden der Stille erhob sich in jedem
der Quertäler, von stromauf- nach stromabwärts, eine ähnliche
Wolke. Zum Glück war das Erdbeben nur von mäßiger Stärke.
Herr Pohrt kam mit seinen Arbeitern ebenfalls erschreckt, aber ungefährdet zur Stelle.

Nun erhob sich die Frage: „Wo ist Grünwedel?" Wir wußten,
daß er in der „Höhle der 16 Schwertträger" zeichnete und da die
Gefahr vorüber zu sein schien, stürmten wir alle dieser Höhle zu.
Wir erstiegen sie unter Befürchtungen aller Art und waren hoch
erfreut, als wir sahen, daß Grünwedel sich in eine Ecke zurückgezogen und keinerlei Verletzungen erlitten hatte. Er hatte sicherlich das vernünftigste Teil erwählt, denn wir waren auf unserer
Flucht durch die herabprasselnden Steinmengen sehr viel mehr gefährdet, als er es im Schutze seiner Höhle war. Allerdings hätte
diese auch zusammenbrechen können, wie es später, zum Glück,
als die betreffende Höhle leer war, einmal geschah.

Diese „Höhle der 16 Schwertträger", eine der am meisten westlich gelegenen Höhlen der Anlage, zeichnet sich dadurch aus, daß
in den Korridoren rechts und links vom Kultbild lebensgroß die
Stifterfamilie dargestellt war. Es sind Ritter in den großen Klappenröcken der östlichen Sassaniden, die mit kostbaren Stickereien verziert, oder aus Brokaten hergestellt sind.

Im hinteren Korridor stand ein großes, in den Stein gehauenes
Podium, auf dem eine große Statue des sterbenden Buddha sich
befunden hatte. Sie war indessen vollständig verschwunden. Von
sonstigen Ausbeuten fanden wir in dieser Höhle nichts.

Dagegen ergab ein in unmittelbarer Nähe gelegener Tempel
einen merkwürdigen Kopf, der, nach dem Vorbilde eines spätantiken (Taf. 40) Herakleskopfes gemalt, einen buddhistischen
Heiligen darstellt. Wir konnten die Persönlichkeit an einem Bilde
in einem anderen, nahegelegenen Tempel identifizieren. Es ist
Mahakaschyapa, ein Heiliger der Buddhisten, der im Begriff ist,
die Füße des Buddha zu küssen. Nach der buddhistischen Legende will nämlich der Scheiterhaufen, der zur Verbrennung der
Leiche des Buddha dienen soll, sich nicht eher anzünden, bis Maha-