National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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| 0058 |
Alt-Kutscha : vol.1 |
| Ancient Kucha : vol.1 |
Citation Information
OCR Text
I,32—I,33
drücken, daß die meisten derselben nur ver-
größerte Miniaturen aus Bilderrollen, welche
das bezügliche Sûtra enthielten, sein müssen.
Chinesische Sûtratexte enthalten ja heute noch
solche Vorsetzblätter mit der Darstellung des
Parivâra des bezüglichen Sûtra. Diese Holz-
schnitte sind ein noch unbenutzter, höchst
wertvoller Ausgangspunkt für die Lösung der
Schwierigkeiten überhaupt. Die Schwierig-
keiten bestehen nämlich darin, daß das im
Rahmen eines bestimmten Sûtra gegebene
illustrative Material traditionell bleibt und Aus-
gleiche in eine sozusagen allgemeine Kunst-
mythologie kaum versucht zu werden scheinen.
So entsteht eine fast uferlose Vieldeutigkeit,
eine Art Unruhe und Zerrissenheit, die natür-
liche Folge künstlerischer Abhängigkeit und des
Mangels an eigener gestaltender Kraft. Es paßt
dies vollkommen zu der maßlosen Rezeptivität,
die die Atmosphäre des windelweichen Bud-
dhismus bildete. Er hatte es seiner genicklosen
Wesensliebe zu verdanken, daß ihn ein dringendes
Gesindel aller Art aufs äußerste entarten ließ.
Die Gottheit, die wir hier zuerst skizzieren
müssen, ist geradezu als der Ausgangspunkt
jener infamen Tantrakulte zu nennen, die heute
noch unter dem Deckmantel schmelzender Er-
barmungs- und Liebesphrasen, die sogar ge-
wisse Gelehrte ernst nehmen, hauptsächlich
durch die roten Lamas vollzogen werden.
33. In den Wandgemälden der älteren Pe-
rioden kann man das Bestreben nicht ver-
kennen, eine Mythologie dadurch zu schaffen,
daß eine Reihe neuer, dem indischen Denken
fremder Bildungen völlig fertig auftreten,
während bezüglich der Ausstattung der durch
die alte Legende bekannten Hindûgottheiten
nur eine rein äußerliche Signierung durch
Variationen der Kronen und einigen anderen
Äußerlichkeiten (Stirnauge z. B.) dem Künstler
genügt. Schon dadurch ergibt sich für den
vorurteilsfrei die Dinge Betrachtenden die
starke, alles Alte entstellende und schließlich
alles überwuchernde Beeinflussung durch ein
nicht bodenständiges System von Typen, die
fertig eingeschoben werden. Immerhin darf
nicht vergessen werden, daß diese letzteren
Gestalten der Plastik, d. h. den Gandhâra-
skulpturen entnommen sind. Die ungeheure
Bedeutung dieser, wie es scheint, auf dy-
nastischen Wunsch hin geschaffenen Skulp-
I,33
turen ist bis jetzt nur rein äußerlich, rein
deskriptiv in die Hand genommen worden.
Völlig noch fehlt die rituelle Würdigung.
Der Grund, warum nicht einmal der Ge-
danke dazu aufkommen konnte, liegt einerseits
in der äußerst dürftigen und auch nur rein
äußerlichen Kenntnis der zugehörigen Lite-
ratur, die geradezu zu vermeiden zu werden
scheint, da leider ästhetische Rücksichten
nicht bloß bei gewissen Kunstrednern gelten;
dann aber in dem Umstand, daß die Skulp-
turen nicht mehr bemalt sind. So sind eine
große Masse von Einzelnheiten — ich denke
nur an das Körperkolorit, an die Abzeichen
in den Kronen, Gewandmustern — auf den
sonst so wertvollen Skulpturen verloren. All
diese Einzelnheiten ergeben sich aber auf den
Wandgemälden, auf denen sie wahrscheinlich
durch die Gunst des Materials besonders
reich ausgeführt wurden, klar und deutlich
und bieten uns ein geradezu unvergleichliches
Arbeitsmaterial, das ich hier nur hinwei-
sen, das ich aber keineswegs erschöpfend
bearbeiten kann. Die Hauptgottheit, welche
sowohl in den Gandhâraskulpturen wie in
unsern Wandgemälden auftritt, ist ein fertiger
Typus von großer Mannigfaltigkeit in Tracht
und körperlichem Aussehen. Er erscheint in
Indien nur sporadisch auf den Skulpturen,
lebt aber fast als Spiritus regens in der tibe-
tischen Literatur fort. Es kann nicht genug
darauf hingewiesen werden, welch enorme
Stütze gerade die tibetische Literatur beson-
ders in den Tantrakommentaren und andern
in Deutschland leider nicht zugänglichen, meist
heterodoxen Werken bieten könnte. Was ich
hier in diesen Seiten geben kann, ist kaum
mehr als ein Hinweis. Bald erscheint der
Gott, dem ein tibetischer höchst wertvoller
Text den Titel Yaksa „Erddämon" gibt, nackt,
bald halbbekleidet, bald gepanzert, bald jugend-
lich, bald greisenhaft, bald ist er von blauer
Körperfarbe, bald — von weißer, bald ist er zwergenhaft,
bald hoch aufgerichtet von denselben Dimen-
sionen, wie der Buddha selbst, den er fast
stets begleitet. Seine Attribute sind der
Donnerkeil (vajra) und ein Fliegenwedel.
Auch fallen eine Reihe fester Stellungen auf,
welche nur leicht nach der Position der Haupt-
figur variiert werden. Die hauptsächlichsten sind:
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