National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project
Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
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| 0064 |
Alt-Kutscha : vol.1 |
| Ancient Kucha : vol.1 |
Citation Information
OCR Text
I,34
und der oder die Übersetzer im Index an-
gegeben sind, werden Tantratexte dieses Kreises
stets ohne Verfassernamen, nur mit dem Namen
des Vajrapâni selbst, bezeichnet. Schon dadurch
sind diese Bücher als besondere, wenn man
so will, Offenbarungen festgelegt.
Die merkwürdigste Rolle aber spielt Vajra-
pâni im Legendenkreise von Udyâna, dem
klassischen Lande der Zauberer und Hexen.
Alle die Erzählungen von den Indrabhûti ge-
nannten Königen, den Heiligen Padmâkara,
Saroruhavajra und anderen mehr, die zum Teil
in den Kompilationen Târanâthas mehr oder
weniger ausführlich erzählt und zitiert werden,
spielen in demselben Lande, in dem die
Gandhâraskulpturen ihr Hauptverbreitungs-
gebiet haben. Was nun aber in den Original-
quellen, den Tantra-Kommentaren, die Târa-
nâtha auszog, verstreut ist, zeigt uns eine
schauerliche Welt, widerwärtige Vorstellungen,
deren Ursprungsgebiet nur der vordere Orient
sein kann. Die Grundidee, die diesem mit
humanen Phrasen aufgestutzten Schandsystem
vorliegt, ist ganz kurz etwa folgende: Es gibt
eine männliche Urkraft, die bald als Lehrer,
bald als gewaltsamer Bekehre für in Irrlehren
versunkene Menschen auftritt. Diese männliche
Urkraft erscheint als Blitz unter Donnerschlägen
und weiht auf diese Weise das besonders
verworfene weibliche Geschlecht ein; das so
betroffene Weib ist dem Samsâra entrückt,
verkehrt mit den Göttern und vermittelt in
Ekstase verlorene heilige Bücher. Geht sie
unter den erotischen Mißhandlungen zugrunde,
so wird sie noch mächtiger, schwebt unter
dem Himmel hin, nähert sich den Vertretern
und Verehrern des Systems, teilt ihnen, sobald
sie die Annäherung erkannt haben, überirdische
oder uralte heilige Texte mit, die sie da und
dort finden, aus der Erde oder aus Höhlen
ausgraben, ja, sie kann sich in menschlicher
oder tierischer Form manifestieren (Katze,
Hund, Vogel usw.), verlangt aber bedinguns-
losen Gehorsam seitens ihres unmittelbaren
Verehrers, der sie gewonnen hat, auch in den
widerlichsten und sinnlosesten Dingen. Jeder
solcher Adept ist nun ein Vajradhara (Donner-
keilträger) und verbindet sich durch seine
transzendente Begleiterin mit dem Universal-
Vajradhara: Vajrapâni. Ebenso auch sind alle
diese Feen oder Hexen (Dâkinî), die Re-
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duplikationen einer Urdâkinî, der Ḍoginî, um diesen
Namen zu mißbrauchen, des Vajrapâni selbst.
Die Eingliederung dieser ganz unindischen An-
schauung in die Buddha-Legende und -Lehre
ging ganz zwanglos von statten: Buddha selbst
wurde zu einer Manifestation des Urvajradhara,
und das Leben, das er als Prinz im Harem
führte, entwickelte die zur würdigen Vor-
bereitung nötigen Eigenschaften. So erscheinen
etwa in einfacher kurzer Fassung die bezüg-
lichen Anschauungen in den Tantras. Sehen
wir uns um, wie die Monumente von Gan-
dhâra und unsere Bilder sich dazu stellen.
35. Bevor ich aber auf das archäologische
Material näher eingehe, muß ich noch auf
einige weitentlegene Parallelen geradezu er-
staunlicher Art hinweisen. Parallelen zwischen
unserer buddhistischen Kunst und der gallischen
hat zuerst Alfred Foucher treffend skizziert
und neuerdings wieder hervorgehoben. Ich
habe dem von ihm ausgeführten nichts weiter
zuzufügen. Nur möchte man an eine rein
äußerliche parallele Methodik der ausführenden
Künstler denken, ein rein technisches Verfahren,
das mit dem jeweilig in Frage kommenden
Religionssystem kaum etwas zu tun hat. Aber
ein paar allgemeine Bemerkungen muß ich doch
hier schon aussprechen: man spricht immer
von Entlehnungen auf religiösem Gebiet von
einer Religion zur andern; aber wie das zugeht,
scheinen sich wenigstens die, welche sich mit
indischen Religionen beschäftigen, nicht immer
ganz klar gemacht zu haben. Daß die Mönche
und Priester eines Systems gerade geneigt sein
sollen, so fremdes, das ihnen doch widerhaarig
sein muß, glattweg zu übernehmen, wird doch
wohl niemand behaupten wollen; im Gegenteil,
die Erfahrung lehrt, daß sie sich aufs schärfste
bekämpfen und das Fremde ausrotten, wo sie
können. Wir können da höchstens Umdeutung
besonders wertvoller oder schöner Kunst-
objekte gelten lassen, ja, in vielen Fällen finden
auch diese kaum Erbarmen. Dagegen ist es
wohlbekannt, daß Künstler aller Art immer
auch auf diesem Gebiet etwas Apartes an sich
haben und überallhin mitbringen; ja, im Mittel-
alter waren die Bauhütten geradezu Ausgangs-
punkt religiöser Geheimbünde. So dürfte auch
bei den Malern und anderen Technikern, die
dort in Stil und Farbe Westliches vermittelten,
manches mitgekommen sein, was von der
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